Entscheidungsforschung bei Kindern: Auch Faustregeln wollen gelernt sein

Bereits Neunjährige setzen Faustregeln systematisch bei ihren Urteilen ein. Sie können aber im Vergleich zu älteren Jugendlichen nicht immer so gut einschätzen, in welcher Situation diese angebracht sind. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der University of California Berkeley hat das Entscheidungsverhalten bei Kindern und Jugendlichen untersucht. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Developmental Psychology veröffentlicht.

Welche Stadt hat mehr Einwohner: Chicago oder Akron? Weiß man es nicht, dann kann man sich daran orientieren, welcher Städtename einem schon bekannt ist. Wiedererkennung führt dabei oft zu erstaunlich guten Urteilen. Beispielsweise lesen oder hören wir wahrscheinlicher von größeren Städten, erfolgreicheren Sportlern, Unternehmen oder Universitäten. Die strategische Verwendung von Wiedererkennung ist bei Erwachsenen häufig untersucht worden. Es gibt aber noch kaum entwicklungspsychologische Forschung, wie es sich damit bei jüngeren Menschen verhält. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der University of California in Berkeley haben nun untersucht, ob und wie gut Kinder und Jugendliche eine einfache Wiedererkennungs-Heuristik einsetzen, wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht unmittelbar wissen.

Insgesamt nahmen über hundert italienische Schüler im Alter von 9, 12 und 17 Jahren an der Studie teil. Die Schüler sollten in einer Aufgabe beurteilen, welche von zwei Städten die größere Einwohnerzahl hat oder welche von zwei Krankheiten in ihrem Land häufiger vorkommt. Zudem wurden sie gefragt, von welchen dieser Städte oder Krankheiten sie vorher schon einmal gehört hatten.

Mit dem Alter stieg die Richtigkeit und Schnelligkeit der Urteile. „Bereits Neun- und Zwölfjährige nutzen dabei Wiedererkennung systematisch für ihre Urteile. Sie tun dies allerdings nicht so angepasst an die Situation wie ältere Jugendliche“, sagt Sebastian Horn, Erstautor der Studie und Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Neun- und Zwölfjährige konnten demnach noch nicht unterscheiden, wann die Nutzung einer Wiedererkennungs-Strategie mehr oder weniger nützlich ist. So ist Wiedererkennung bei der Beurteilung von Krankheitshäufigkeiten weniger hilfreich als zur Beurteilung von Städtegrößen. Denn der Bekanntheitsgrad einer Krankheit sagt wenig darüber aus, wie häufig sie vorkommt. Zwar kennen die meisten die Pest, auch wenn sie so gut wie ausgestorben ist. In der Studie wurde dies jedoch erst von den 17-Jährigen berücksichtigt. Sie wussten, wann sie die Strategie der Wiedererkennung erfolgreich einsetzen konnten und wann nicht. So wurde Wiedererkennung in dieser Altersgruppe bei der Beurteilung von Städten etwa dreimal häufiger verwendet als bei der Beurteilung von Krankheiten. Dies deutet auch auf das größere Erfahrungswissen der 17-Jährigen hin.

„Die Frage nach der Größe von Städten wird in der Urteilsforschung mit Erwachsenen häufig eingesetzt. Jedoch ist sie für Kinder nicht einfach zu beantworten. Indem wir Kindern allerdings die gleichen Fragen gestellt haben, ist uns erstmals ein Vergleich mit älteren und jüngeren Erwachsenen möglich“, sagt Koautorin Azzurra Ruggeri, die an der University of California in Berkeley und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung arbeitet.
 

Quelle

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung