DJI-Befragung zeigt: Flüchtlingskinder sind eine neue Aufgabe für viele Kitas

Mindestens 120.000 Kinder unter sechs Jahren sind in den vergangenen Monaten nach Deutschland geflohen – zunehmend kommen sie in der Kita an. Anfang 2016 betreuten 36 Prozent der befragten Kindertageseinrichtungen Flüchtlingskinder. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Deutschen Jugendinstitut bundesweit durchgeführte Befragung von über 3.600 Kitas.

Die Untersuchung rückt die bislang von der Politik wenig beachtete Gruppe der jungen Flüchtlingskinder in den Fokus. Die Ergebnisse belegen: Der Zugang zu Kitas ist für Flüchtlingseltern noch nicht systematisch geregelt. In der Praxis bedarf es einer engeren Vernetzung von Ehrenamtlichen, der Flüchtlingssozialhilfe sowie der Kinder- und Jugendhilfe.

Ehrenamtliche spielen eine große Rolle

Genaue Zahlen, wie viele Flüchtlingskinder derzeit eine Kindertageseinrichtung besuchen, existieren nicht. Für Flüchtlingsfamilien, die über die Angebote meist wenig informiert sind, ist der Weg in die Kita voller Hindernisse. Vielfach spielen Ehrenamtliche eine wichtige Rolle: Sie sind in 42 Prozent der Fälle an der Anmeldung von Flüchtlingskindern in einer Kita beteiligt. Die größte Hürde bei den Integrationsbemühungen stellt nach Aussagen der befragten Erzieherinnen neben der Sprachbarriere (99 Prozent) die Unsicherheit der Eltern (47 Prozent) dar. Entscheidend sei es deshalb, gezielt auf die Eltern zuzugehen. "Flüchtlingsfamilien sind oft aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nicht mit den Kita-Routinen vertraut und zögern, ihre Kinder fremden Erzieherinnen oder Erziehern anzuvertrauen", sagt Birgit Riedel, Fachgruppenleiterin im Deutschen Jugendinstitut. Wichtig sei es daher, Dolmetscher/innen oder Vertrauenspersonen der Eltern einzubeziehen.

Kita als zentraler Ort der Integration

"Erzieher/innen in Kindertagesstätten engagieren sich in beeindruckendem Maße für Flüchtlingskinder. Sie eignen sich oft in ihrer Freizeit Wissen über die Herkunftsländer an, überlegen sich Eingewöhnungskonzepte und sprechen andere Eltern in der Kita an, ob sie dolmetschen können und sich als Sprachmittler zur Verfügung stellen“, so Birgit Riedel. Für die frühzeitige Integration sei die Kita ein zentraler Ort, der bislang zu wenig von der Politik beachtet worden ist. In der Kita können Flüchtlingskinder mit gleichaltrigen einheimischen Kindern spielen und Werte, Regeln und Routinen der deutschen Gesellschaft kennenlernen. „Viele Kinder kommen mit belastenden Erfahrungen in die Einrichtungen. Struktur im Alltag, ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Fachkräften, Sicherheit und Regelmäßigkeit sind laut Birgit Riedel gerade für Flüchtlingskinder entscheidend. Einen eigens für die Flüchtlingskinder konzipierten Deutschunterricht hält sie nicht für notwendig, förderlich sei jedoch eine intensive sprachliche Zuwendung durch die Erzieher/innen.

Bundesweite Kita-Befragung

Das Deutsche Jugendinstitut führte diese bundesweite Befragung zwischen Januar und März 2016 durch. Von über 3.600 kontaktierten Kitas antworteten 1.737 Einrichtungen (49 Prozent). Den Angaben zufolge betreuten 36 Prozent der befragten Kitas Flüchtlingskinder; unter ihnen hatten knapp 60 Prozent ein oder zwei Flüchtlingskinder aufgenommen. Jede vierte Kita nahm vier oder mehr Kinder auf. Rund sechs Prozent der Kitas richteten spezielle Angebote wie Spielgruppen oder mobile Spielangebote für Flüchtlingskinder ein. 64 Prozent der befragten Kindertagesstätten haben keine Geflüchteten unter ihren betreuten Kindern. Als Grund nannten sie, dass sie entweder keine Anfragen erhalten hätten oder keine jungen Flüchtlinge vor Ort lebten. Mehr als jede zweite Einrichtung hatte keinen freien Platz oder zu wenig Personal für die Betreuung.

Personal, Geld und Schulungsangebote notwendig

Damit Integration gelingen kann, erhalten neun von zehn Kitas Unterstützung, in der Regel vom Träger der Einrichtung (44 Prozent) oder von den Kommunen (39 Prozent). 36 Prozent der Kitas werden von Ehrenamtlichen unterstützt. Besonders nachgefragt sind Dolmetscher, Deutschkurse für Eltern, Fortbildungen für Fachkräfte, seltener Hol- und Bring-Dienste. „Trotz des großen Engagements der Fachkräfte verschärft die Betreuung von Flüchtlingskindern das strukturelle Problem der Kindertagesbetreuung“, resümiert Birgit Riedel. „Will man die Kitas systematisch für Flüchtlingskinder öffnen, braucht es mehr Personal, mehr Geld und mehr Schulungsangebote für Fachkräfte.“

Keinen Rechtsanspruch

Einen automatischen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben geflüchtete Kinder derzeit nicht. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) vertritt die Rechtsauffassung, dass Flüchtlingskinder unter sechs Jahren erst dann einen Anspruch auf einen Platz haben, wenn die Familie die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen hat und in eine Anschlussunterkunft gezogen ist, die von der Kommune zugewiesen wurde (§55 Asylverfahrensgesetz). In vielen Fällen leben Flüchtlingskinder aber länger als ein halbes Jahr in beengten Erstaufnahmeeinrichtungen, in denen es kaum Platz zum Spielen und Toben gibt.

Quelle

Deutsches Jugendinstitut