Kinder psychisch kranker Eltern brauchen Aufmerksamkeit

Wenn Eltern an einer psychischen Erkrankung wie Depression oder Sucht leiden, sind nicht nur sie betroffen, sondern häufig sind damit auch die Entwicklungsbedingungen der Kinder erheblich belastet. Doch oftmals geraten die Kinder und gerade die Jüngsten aus dem Blickfeld. Schätzungsweise 500.000 bis 600.000 Säuglinge und Kleinkinder in Deutschland leben in Familien mit betroffenen Elternteilen. Das Erkennen der elterlichen Erkrankung und eine im Bedarfsfall professionelle oder ehrenamtliche Begleitung können diesen Eltern helfen, besser für ihre Kinder zu sorgen und deren Chancen auf ein gesundes Aufwachsen zu erhöhen.  

Die Koordinierung erforderlicher Hilfen für die betroffenen Familien ist daher eine wichtige kommunale Aufgabe. Frühe Hilfen können dabei einen Beitrag leisten. Sie kommen aber häufig bei der Begleitung psychisch kranker Eltern und ihrer Kinder an ihre Grenzen. Hier könnte auch der Öffentliche Gesundheitsdienst mit seinen – auch aufsuchenden – sozialpsychiatrischen und sozialpädiatrischen Diensten die Netzwerkarbeit sinnvoll ergänzen. Um einerseits eine bessere Versorgung der Kinder und ihrer Familien zu ermöglichen, andererseits aber auch die Grenzen der Frühen Hilfen zu erkennen, hat heute das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Ulm zu einer Fachtagung zum Thema „Interdisziplinäre Versorgung von Kindern psychisch kranker Eltern aus Sicht der Frühen Hilfen“ eingeladen. Über 200 Fachkräfte aus Wissenschaft und Praxis nehmen an der Veranstaltung teil.  

„Wenn Eltern krank sind, betrifft das auch immer ihre Kinder. Gerade Kinder, deren Eltern an einer psychischen Erkrankung leiden, brauchen Unterstützung. Hier setzen die Frühen Hilfen an. Mit dieser Tagung bauen die Frühen Hilfen eine Brücke für eine bessere Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen im Gesundheitswesen und der Kinder- und Jugendhilfe. Besonders die Zusammenarbeit mit den sozial-psychiatrischen Diensten ist unerlässlich“, betont Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), bei der Veranstaltung.  

„Familien mit psychisch kranken Eltern bedürfen unserer besonderen Aufmerksamkeit“, erklärt Ingrid Fischbach, Parlamentarische Staatssekretärin aus dem Bundesministerium für Gesundheit. “Insbesondere mit dem Präventionsgesetz haben wir die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Ärztinnen und Ärzte im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen sowohl die Kinder als auch die Familien in den Blick nehmen, um verstärkt individuelle Risiken und  Belastungen zu erkennen und bei Unterstützungsbedarf die Familien auf regionale Hilfsangebote hinzuweisen.“ 

Dr. med. Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), in der das NZFH seinen Sitz hat, erklärt: „Insbesondere jüngeren Kindern von Eltern mit einer psychischen Erkrankung merkt man häufig nicht an, wie belastet sie schon sein können. Sie wirken oft ruhig und unauffällig. Erst mit der Zeit wird deutlich, dass sie zum Teil erhebliche Entwicklungsdefizite aufweisen. Studien zufolge haben betroffene Kinder ein 2,4- bis 6-fach erhöhtes Risiko, später selbst einmal eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. Umso wichtiger ist es, hier so früh wie möglich zu unterstützen.“  

Prof. Dr. Sabine Walper, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut und Kooperationspartner der BZgA im NFZH, erläutert: „Aus den Ergebnissen unserer Kommunalbefragung wissen wir, welche große Bedeutung das Thema auch bei den Fachkräften hat. Viele Netzwerke Früher Hilfen beschäftigen sich damit, wie die interdisziplinäre Versorgung von Familien mit psychisch kranken Eltern gelingen kann. Allerdings stellen sie immer wieder fest, dass die Akteure der Frühen Hilfen damit häufig überfordert sind.“ 

Publikation - Eckpunktepapier