Kontakte mit entfernten Verwandten – Ein europäischer Vergleich

Dr. Nina Jakoby
Jakoby Nina

In diesem Beitrag werden europäische Unterschiede hinsichtlich der Kontakthäufigkeit mit entfernten Verwandten analysiert. Zusätzlich wird die USA in den Vergleich mit aufgenommen. Gibt es Unterschiede bezüglich der Kontakthäufigkeiten von Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen sowie Nichten und Neffen? Im ersten Abschnitt wird der Forschungsstand der interkulturell vergleichenden Verwandtschaftsstudien dargestellt. Im zweiten Abschnitt werden soziokulturelle und soioökonomische Unterschiede zwischen den Ländern diskutiert und zentrale Kennzahlen abgebildet. Darauf aufbauend werden im dritten Abschnitt die empirischen Verteilungen der Kontakthäufigkeit mit der entfernten Verwandtschaft differenziert für die einzelnen Verwandtentypen (Onkel und Tanten, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen) und jeweiligen Länder vorgestellt. Welche sozioökonomischen und soziokulturellen Charakteristiken der Länder korrespondieren mit diesen Befunden? Der Beitrag endet mit einem Fazit und Ausblick.

Obwohl die ethnische Herkunft eine der zentralen Determinanten verwandtschaftlicher Beziehungen ist, gibt es nur wenige Studien, die Verwandtschaft interkulturell vergleichend untersuchen. Betrachtet man darüber hinaus explizit den erweiterten Familienkreis und die so genannte „entfernte Verwandtschaft“, so reduziert sich deren Anzahl auf einige wenige Studien. Die Vernachlässigung des Themas wird vor allem auf die These des Bedeutungsverlustes von Verwandtschaft zurückgeführt. In den Anforderungen der Industriegesellschaft sieht Parsons eine wesentliche Ursache für den Bedeutungsverlust der Verwandtschaft, denn die Befreiung vom „Ballast“ verwandtschaftlicher Verpflichtungen ermöglicht beispielsweise soziale und geographische Mobilität. Diese hat nachhaltige Wirkung auf den soziologischen Diskurs über moderne Verwandtschaftsbeziehungen. So finden sich auch Verweise auf die geringe Bedeutung, seltenen Kontakte und Funktionslosigkeit von Mitgliedern der erweiterten Familie – allerdings ohne empirische Fundierung. Auch die Gegenentwürfe, die in direkter Kritik an Parsons von Litwak (1960) als „modified extended family“ formuliert wurden, inkludieren zwar theoretisch auch die Mitglieder des erweiterten Familienkreises, die empirischen Analysen bleiben primär auf die kernfamilialen Beziehungen zwischen Herkunfts- und Orientierungsfamilie beschränkt.Gleichzeitig postuliert die Individualisierungsthese (Beck 1986) den Bedeutungsgewinn von frei wählbaren Beziehungen und einen Bedeutungsverlust von traditionellen, zugeschriebenen Sozialbeziehungen. Diese Annahmen werden durch Mythen über die Verwandtschaftsbeziehungen vergangener Zeiten und die „vorindustrielle Großfamilie“ unterstützt. Die Vorstellungen über Verwandtschaftsbeziehungen vergangener Zeiten sind durch ideologische Auffassungen geprägt. In diesem Kontext stellt Mitterauer (1978: 129) das Gegensatzpaar „kühl-unpersönliche Sozialbeziehungen der Gegenwart“ und „einstmalige starke Bindung an Verwandte“ auf.

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Erstellt am 2. Dezember 2009, zuletzt geändert am 21. November 2013