Pflegekinder und ihre Familien

Rita Schröder

Leistungen von Pflegeeltern

Wenn Kinder vorübergehend in ihrer Familie nicht nach ihren Bedürfnissen versorgt werden können, bieten Pflegefamilien eine wichtige Alternative zur Heimunterbringung. Alle Kinder brauchen beständige liebevolle Bezugspersonen, ganz besonders jedoch Kinder, die in ihrer Lebensgeschichte schon Trennungen, Versorgungsmangel oder andere tief greifende Verletzungen ihrer Persönlichkeit erfahren haben.

In einer Familie finden sie einen überschaubaren Alltagsrahmen: vertrauter Personenkreis, regelmäßiger Tagesablauf, gemeinsame Mahlzeiten, Trost bei Kummer, kindgerechte Freizeitgestaltung und beruhigendes Zubettbringen.
Außer diesen grundlegenden Bedingungen für eine Stabilisierung können Pflegeeltern auf die ganz speziellen Bedürfnisse eines Kindes eingehen. Sie können ihm bei der Verarbeitung seiner Erlebnisse helfen, geeignete Förderungen anbieten, Therapien einleiten und die medizinische Versorgung gewährleisten.

Für ein ganz bestimmtes Kind und seine Probleme suchen Pflegeeltern nach Unterstützung, Informationen und Beratung bei Ärzten und Therapeuten, Erziehern und Beratungsstellen, Jugendamt und Gesprächsgruppen. Der Kontakt mit der Herkunftsfamilie erfordert oft besonderes Einfühlungsvermögen. Das Pflegekind ist sehr traurig über das Auseinanderbrechen seiner Familie, fühlt sich für die Trennung sogar manchmal selbst schuldig. Es macht sich Sorgen über seine Angehörigen und hat Sehnsucht nach ihnen, auch wenn die früheren Bedingungen für Außenstehende als ungünstig erscheinen.

Leider besteht noch zu oft eine Lücke im Beratungsangebot für die Herkunftseltern, so dass die Pflegefamilien hier Sozialarbeit zu leisten haben, die ihre Kompetenz übersteigen kann und oft zu Schwierigkeiten führt. Dieser Mangel ist den zuständigen Stellen bekannt und wird zunehmend in gezielten Programmen bearbeitet, so dass auf Besserung zu hoffen ist. Das sensible Beziehungsgeflecht zwischen beiden Familien wird aber weiterhin hohe soziale Anforderungen in Pflegeverhältnissen stellen.

Ein weiterer Unterschied zur Adoption ist die Möglichkeit, dass ein Pflegekind zu seiner Herkunftsfamilie zurückkehrt. Während die Rückkehr nach der Kurzzeitpflege Planung und Ziel ist, entstehen in langer Betreuung intensive Bindungen. Eine unsichere Zukunft ihres Pflegekindes ist eine ständige Belastung für den Gefühlshaushalt der Pflegeeltern und immer ein wichtiges Thema in den Gesprächsgruppen. Zufriedenstellender erleben sie ihre Aufgabe, wenn sie sicher sein können, dass das Kind seinen Weg in einen positiven Lebensabschnitt antritt und sie es hilfreich durch eine schwierige Zeit begleitet haben.

Ein Pflegekind aufnehmen

Von den Pflegekinderdiensten der Jugendämter werden ständig neue Pflegeeltern gesucht, trotzdem kann es sehr lange dauern, bis in Ihre Familie auch wirklich ein Kind vermittelt wird.

Wenn sie sich beim Jugendamt bewerben, werden in der Regel folgende Unterlagen verlangt:

  • Gesundheitszeugnis
  • Polizeiliches Führungszeugnis
  • Einkommensnachweis

Eine Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes wird sich zu einem Hausbesuch anmelden. In Gesprächen und Fragebögen wird von Ihnen Offenheit erwartet zu persönlichen Themen wie Familienleben, Kindheitserfahrungen, Trennungen, Weltanschauung, Lebensplanung, Erziehungsziele, Rollenverhalten und Konfliktbewältigung.

Auf die Frage nach der Motivation für die Aufnahme eines Pflegekindes wird besonderer Wert gelegt. Sie sollten sich schon vorher selbst eine ehrliche Antwort auf diese Frage geben, da sie von entscheidender Wichtigkeit für das Gelingen eines Pflegeverhältnisses ist. Wenn Sie sich eine Entlastung von familiären Problemen vorstellen, wie engere Bindung der Ehepartner aneinander, finanzielle Vorteile oder einen Spielkameraden für das eigene Kind, dann werden diese Erwartungen sicher enttäuscht werden.

Im Gegenteil, es sind zusätzliche Belastungen zu erwarten und Sie sollten sich mit allen Familienmitgliedern darüber einigen, ob Ihre Familie diesen gewachsen ist. Wie diese Belastungen aussehen können, erfahren Sie in Gesprächen mit erfahrenen Pflegeeltern in Selbsthilfegruppen (siehe Adressenliste) oder in Vorbereitungskursen, die von den Jugendämtern angeboten werden.

Es sind in jeder Familie unterschiedliche Fähigkeiten vorhanden, mit Problemen umzugehen, und je besser Sie selbst Ihre Grenzen benennen können, desto besser kann erkannt werden, welches Pflegekind zu Ihrer Familie passen würde. Ein Pflegekind ist nicht allein stehend, es hat eine Familie, die vielleicht eine andere Einstellung zu Erziehungszielen und Lebensplanung hat. Dennoch ist das gegenseitige Akzeptieren für das Kind wichtig.

Die leiblichen Eltern haben einen Rechtsanspruch auf persönlichen Umgang mit dem Kind, Besuchskontakte werden durch Absprache mit dem Jugendamt geregelt. Für die Aufnahme eines behinderten Pflegekindes werden besondere Anforderungen an die Pflegepersonen gestellt, z.B. berufliche Erfahrungen in einem pädagogischen oder pflegerischen Beruf oder die Teilnahme an einer besonderen Schulung.

Es ist nicht vorgeschrieben, dass die Pflegeperson in einer traditionellen Familienform lebt. Auch Alleinerziehende, unverheiratete Paare, gleichgeschlechtliche Paare oder Wohngemeinschaften können ein Pflegekind aufnehmen, jedoch wird die Vermittlungsstelle immer Wert darauf legen, dass die notwendige emotionale und materielle Stabilität für das Pflegekind gesichert ist.

Die Pflegefamilie soll über ein gesichertes Einkommen verfügen. Das monatlich gezahlte Pflegegeld besteht aus einem Betrag für den Lebensunterhalt des Kindes und einem Anerkennungsbetrag für die Erziehungsleistung. Die Höhe ist nicht einheitlich geregelt, es ergeben sich örtlich große Unterschiede. Es muss ausreichend Wohnraum vorhanden sein. Ein eigenes Zimmer für jedes Kind ist nicht Voraussetzung, bei größeren Kindern sollte es zur Verfügung stehen.

Nach der Prüfung durch das Jugendamt besteht kein Anspruch darauf, dass Ihnen ein Pflegekind vermittelt wird. Es kann dann die so genannte “Unbedenklichkeitsbescheinigung” ausgestellt werden, mit der sie sich bei anderen Stellen weiter bewerben können. Verschiedene Organisationen wie die Caritas, das Diakonische Werk und andere haben eigene Vermittlungsstellen und suchen Pflegeeltern, aber die Pflegeerlaubnis für ein bestimmtes Kind kann nur durch das Jugendamt erteilt werden.

Formen von Pflegeverhältnissen

In einer Pflegefamilie sollten nicht mehrere der genannten Formen gemischt vorkommen, jedoch ergibt sich oft ein nahtloser Übergang.

Kurzzeitpflege

Die befristete Vollzeitpflege ist zunächst auf einen Zeitraum bis zu drei Monaten angelegt. Das klassische Beispiel ist die allein erziehende Mutter, die ins Krankenhaus muss. Die Pflegeeltern fördern den Kontakt mit der Familie, Verwandten und Freunden, um dem Kind die vorübergehend notwendige Trennung zu erleichtern. Für eilige Notfälle gibt es Bereitschaftspflegestellen, in denen ein Kind ohne lange Vorbereitungszeit aufgenommen werden kann. Bei Bedarf kann eine Verlängerung beantragt werden, denn oft stellt sich heraus, dass für das Kind dann doch eine langfristige Perspektive erarbeitet werden muss.

Dauerpflege

In der unbefristeten Vollzeitpflege soll das Kind bis zu seiner Verselbständigung betreut werden. Die Pflegefamilie hat die Aufgabe, dem langfristig aufgenommenen Kind eine positive Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen. Dazu benötigt jedes Kind emotionale Stabilität, Zuwendung, Geborgenheit, Vertrauen. Diesem Anspruch können die Pflegeeltern nur gerecht werden, wenn sie zu dem Kind eine enge Beziehung aufbauen.

Kinder mit erweitertem Förderbedarf

werden in Pflegefamilien vermittelt, die erhöhten Anforderungen gerecht werden können. Sie nehmen verhaltensauffällige, erziehungsschwierige Kinder oder Kinder mit Behinderungen auf, darum wird von den Pflegeeltern eine hohe persönliche und soziale Kompetenz erwartet. Stabile Strukturen sollen einhergehen mit Flexibilität und Lernfähigkeit, Empathie und Ausgeglichenheit mit einer gewissen Kampfbereitschaft, die Rechte des Kindes auf Hilfsmittel und Integration durchzusetzen. Rechtzeitiges Erkennen der eigenen Leistungsgrenzen wird nicht als Schwäche angesehen, sondern ist Voraussetzung zur notwendigen Einleitung der Zusammenarbeit mit spezialisierten Therapeuten.

Unter Umständen ist es von Vorteil, wenn eine Pflegeperson eine entsprechende Berufsausbildung und -erfahrung (z.B. Krankenschwester, Erzieherin) hat.
Die Qualifikation kann evtl. auch durch eine besondere Schulung erworben werden.

Tagespflege

ist die Möglichkeit einer individuellen Betreuung eines kleinen Kindes, wenn ein Bedarf besteht, dem eine Kindertagesstätte nicht gerecht werden kann, z.B. wenn die Öffnungszeiten nicht mit den Arbeitszeiten der Eltern übereinstimmen. Eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Abstimmung im Erziehungsstil ist von allen, Eltern und Pflegemutter, erforderlich.

Wochenpflege

erstreckt sich meist über fünf Tage und Nächte in der Woche und ist notwendig, wenn die Eltern im Schichtdienst arbeiten oder an einer Ausbildung in einer anderen Stadt teilnehmen. Wegen der hohen psychischen Belastung für das Kind sollte diese Form nur in dringenden Fällen und vorübergehend gewählt werden.

Verwandtenpflege

Für die Verwandtenpflege gelten spezielle Regelungen, es kann auch dafür vom Jugendamt Beratung und Unterstützung erwartet werden.

Mein Kind in einer Pflegefamilie

Pflegefamilien nehmen Kinder auf, die vorübergehend nicht in ihrer Familie nach ihren Bedürfnissen versorgt werden können. Bei einem kurzen Aufenthalt, z.B. wegen Krankheit oder Kur, werden die Pflegeeltern dazu beitragen, die Eingewöhnung sowie die Rückkehr zu den Eltern für das Kind so wenig belastend wie möglich zu gestalten. Dazu gehört selbstverständlich die Aufrechterhaltung und Förderung des Kontaktes.

Wenn das Kind längere Zeit in der Pflegefamilie lebt, werden Bindungen aufgebaut, die jedes Kind für eine gute Entwicklung braucht. Es braucht liebevolle Bezugspersonen, die es zuverlässig versorgen, die es trösten, die auf seine Schwierigkeiten und Wünsche eingehen. Ein ständiges Hin und Her zwischen verschiedenen Bezugspersonen irritiert das Kind, es kommt zu Schwierigkeiten, die das Verhältnis zwischen Eltern und Pflegeeltern stark belasten können.

Während die Pflegeeltern sich Unterstützung beim Jugendamt und bei Kollegen holen, ist es für die Eltern schwieriger, die richtige Beratung zu finden. Manchmal hatten sie mit dem Jugendamt schon Auseinandersetzungen und es besteht kein Vertrauen in die Beratung von dieser Seite. Vor ihren Verwandten müssen sie sich evtl. rechtfertigen und sind von verschiedenen Seiten Vorwürfen ausgesetzt, obwohl die Entscheidung für eine Pflegefamilie in ihrer speziellen Situation das Beste für das Wohl des Kindes war.

Die Vereine für Pflegeeltern kennen diese Probleme. Ihr erklärtes Ziel ist das Wohlergehen des Kindes, sie sind nicht die Organisation einer “Gegenseite” . Darum bieten einige Vereine auch Gespräche und Beratung für Eltern an, diese müssen dazu natürlich nicht Mitglied sein. Für das Kind wird seine Herkunftsfamilie immer wichtig bleiben, auch wenn es schon lange Zeit in einer Pflegefamilie lebt und sie sein Zuhause geworden ist. Es identifiziert sich mit beiden Familien und je besser sie sich gegenseitig akzeptieren, desto weniger Sorgen hat es.

Eine heilpädagogische Pflegefamilie in Berlin

Vater: Lehrer mit Erfahrungen an Sonderschulen für Behinderte und verhaltensauffällige Schüler. Mutter: früher Einzelhandelskauffrau, hat ihren Beruf aufgegeben, um Pflegemutter zu werden. Zu unserer 1980 geborenen Tochter kam 1986 eine Pflegetochter mit Spina bifida (angeborene Querschnittslähmung) und später ein weiteres Pflegekind (geb. 92) mit einer spastischen Behinderung. Zu dieser “Kernfamilie” wird jeweils ein Kind in Kurzzeitpflege aufgenommen. Vom ersten Kontakt mit dem Jugendamt bis zur ersten Aufnahme vergingen zwei Jahre: Anträge, Bescheinigungen, Fragebögen, psychologischer Test der ganzen Familie… und immer wieder Wartezeiten.

Der Besuch der Berliner Pflegeelternschule für heilpädagogische Pflegeeltern war besonders wertvoll. Inzwischen haben wir viele gute Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht und fühlen uns sehr gut betreut, wenn einige Pflegeeltern von ihren Schwierigkeiten mit Ämtern berichten, wissen wir das besonders zu schätzen. Die wichtigsten Erziehungsziele sind für uns Lebensfreude, Beziehungsfähigkeit und Selbständigkeit.

Die Integration der behinderten Kinder verlangt besonders aufmerksame Pflege der Beziehungen zu Nachbarn, Freizeiteinrichtungen und Schule; die Auswahl der Wohnung, des Automodells und des Urlaubsortes werden davon weitgehend bestimmt. Der Besuch der Therapieeinrichtungen ist teilweise sehr zeitaufwendig, Hilfsmittel und viele Elemente der Krankengymnastik werden zu Hause übernommen. Die Belastung für die Kinder durch die Notwendigkeit häufiger medizinischer Behandlung versuchen wir möglichst gering zu halten durch intensive Vorbereitung und Begleitung, vom Rollenspiel bis zum Rooming-in.

Das Problem, dass in solchen Zeiten die anderen Kinder ein Manko in der Zuwendung verspüren, darf nicht vergessen werden und wird ausgeglichen durch Unternehmungen und Reisen, bei denen das einzelne Kind die ungeteilte Zuwendung hat und seine persönlichen Interessen gefördert werden. Die Einarbeitung in medizinische Fachliteratur, politischer Einsatz für bessere Einrichtungen, Öffentlichkeitsarbeit in Selbsthilfegruppen erschien unerlässlich.
Kinder in Kurzzeitpflege bleiben zwischen zwei Wochen und neun Monaten in unserer Familie. Wir verstehen den Aufenthalt dann nicht als Übernahme eines Kindes, sondern als Unterstützung einer Familie in einer schwierigen Situation, so dass der Kontakt zur Herkunftsfamilie besonders gepflegt wird. Das kann im einfachsten Fall der regelmäßige Besuch mit dem Kind bei der Mutter im Krankenhaus sein.

Wir bringen das Kind zur gewohnten Kindergartengruppe oder Schule und gehen am Nachmittag zum Spielplatz in Wohnortnähe, wo es seine Freunde treffen kann. Besonders gern laden die größeren Kinder ihre Freunde zu uns ein, um ihnen das Zimmer, die Spielsachen usw. zu zeigen. Einige Pflegekinder kommen uns auch später noch besuchen, manche jahrelang. Eine besondere Aufgabe stellt sich, wenn die Mutter des Kindes besondere Unterstützung braucht, zum Beispiel bei täglichen Besuchen an die spezielle Versorgung ihres Kindes herangeführt und zu Arztbesuchen und Therapien mit dem Kind begleitet wird.

Wenn die Therapieschiene eingefädelt ist und die Mutter immer mehr die Versorgung und Verantwortung übernimmt, können wir uns in gleichem Maße zurücknehmen.
Es kann sich aber auch zeigen, dass die leibliche Mutter sich immer mehr aus dem Projekt zurückzieht und für das Kind eine andere dauerhafte Perspektive gefunden werden muss. Die Situation mit den zwei Müttern ist für alle Beteiligten sehr schwierig, ein Konkurrenzdenken ist völlig abträglich, wenn alle das Beste für das Kind anstreben. Die Zusammenarbeit von Eltern, Pflegeeltern und Jugendamt ist wichtig, um für das Kind und seine Familie die bestmögliche Lösung zu finden.

Autorin

Rita Schröder
 

Erstellt am 4. Juli 2005, zuletzt geändert am 4. Juli 2005