Wenn Mama durcheinander ist…

Beate Lisofsky

Innerhalb eines Jahres erkrankt in Deutschland jeder dritte Erwachsene an einer psychischen Krankheit. Vergleichbare Prävalenzraten berichten internationale Studien für andere westliche Industrienationen. Deutsche Gesundheitssurvey (DEGS), Modul „Psychische Gesundheit“, 2013

Eine psychische Erkrankung hat immer Auswirkungen auf die gesamte Familie; die Angehörigen – Eltern, Partner – sind stets mit betroffen. Mittlerweile haben sich die Angehörigen selbst organisiert und nicht zuletzt dadurch auf ihre leidvolle Lebenssituation aufmerksam gemacht. Die Erfahrung, dass Angehörige nicht Täter, sondern Opfer einer oft alle Beteiligten krankmachenden Dynamik sind und dass psychische Krankheit oft Verhältnisse schafft, die zu Extrembelastungen der Umgebung führen, hat in der Psychiatrie zu einem neuen Umgang mit den Angehörigen geführt. Damit verbunden ist auch der Anspruch auf ganz individuelle Hilfestellung für die Familien.

Davon profitieren bisher die Kinder psychisch Kranker nicht ausreichend. Sie werden in die Angehörigenarbeit nicht einbezogen, sondern geradezu bewusst ausgegrenzt. Damit wird von der Psychiatrie ein sowohl gesellschaftlicher wie auch innerfamiliärer Mechanismus, nämlich die Tabuisierung der psychischen Krankheit eines Elternteils, erneut in Szene gesetzt.

Nach konservativen Schätzungen haben ca. 500.000 minderjährige Kinder und Jugendliche mindestens einen psychisch kranken Elternteil. Sie haben ein erhöhtes Risiko, selbst psychische Probleme zu bekommen; dies ist durch Studien (High-Risk-Forschung, genetische Studien) belegt. Sowohl bei schizophrenen wie auch bei affektiven Psychosen konnte eine genetische Komponente nachgewiesen werden: Während das Lebenszeitrisiko, an einer Schizophrenie zu erkranken, bei einem Prozent liegt, ist die Wahrscheinlichkeit für Kinder mit einem schizophrenen Elternteil mehr als verzehnfacht. Sind beide Eltern schizophren erkrankt, liegt die Wahrscheinlichkeit sogar bei 40 Prozent. Dies bedeutet aber auch, dass mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder keine entsprechenden Symptome entwickeln – sicher ein Ansatzpunkt für weiteren Forschungsbedarf hinsichtlich der protektiven Faktoren der Entwicklung.

Dazu kommen häufig psychosoziale Belastungen, d.h. die Kinder psychisch kranker Eltern wachsen oft unter Lebensbedingungen auf, die in mancherlei Hinsicht schwieriger sind als bei vielen anderen Kindern.

Welche Probleme haben die betroffenen Familien?

Bei den meisten Familien steht obenan, was sich in folgenden Satz fassen ließe: “Wir müssen es alleine schaffen, denn wird erst einmal klar, dass wir Hilfe brauchen, wird man uns nur auseinanderreißen.” Diese Angst ist auch nicht ganz unberechtigt, denn die Zeit, als man psychisch kranken Menschen das Recht absprach, Kinder zu bekommen und groß zu ziehen, liegt noch nicht lange zurück. Mögliche Folgen: Die Eltern gehen nicht oder nicht rechtzeitig zum Arzt oder ins Krankenhaus – und sie holen sich auch nicht rechtzeitig Unterstützung bei Problemen mit den Kindern oder im Alltag.

Die Kinder wenden sich mit ihren Sorgen nicht an Außenstehende; sie vertrauen sich niemand an, aus Angst, die Familie und ihr Geheimnis zu verraten. Auch wenn die Kinder an ihrer Verantwortung wachsen, so entsteht doch ein großes Gefühl der Einsamkeit, von dem alle inzwischen erwachsenen Kinder berichten.

Eine länger bestehende seelische Krankheit eines Elternteils führt üblicherweise zu einer Verschlechterung der allgemeinen Lebensbedingungen für die gesamte Familie. Stichworte dazu sind: Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme, schlechtere Wohnverhältnisse, Isolation, belastete Beziehungen innerhalb der Familien. Außerdem ist der Anteil der Ein-Eltern-Familien hoch. Forschungsergebnisse haben deutlich gemacht, dass dieses Problembündel die psychische Entwicklung der Kinder in der Regel mehr beeinträchtigt als die seelische Erkrankung selbst.

Zu den Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf die seelische Entwicklung der Kinder

Die Kinder erleben ihre Eltern über einen längeren Zeitraum oder immer wiederkehrend in für sie unverständlichen, extremen Gefühlszuständen. Sie empfinden das Gefangensein der Mutter in einer oft bedrohlichen inneren Welt, aus der sie ausgeschlossen sind oder aber eng mit einbezogen werden sollen. Sie können einem häufig unvernünftigen Umgang mit Zeit, Geld, Ernährung usw. ausgesetzt sein. Sie erleben Trennungen durch Krankenhausaufenthalte und oft wechselnde Betreuungen. Sie sind ihren Eltern loyal verbunden und befinden sich im Zwiespalt zwischen der “familiären” und der “äußeren” Welt, den Bedürfnissen ihrer Eltern und ihren eigenen.

Kinder sind oft die ersten, die mit einer psychischen Krise konfrontiert sind und Hilfe organisieren sollen. Sie sind es, die die meiste Zeit z.B. mit einer kranken Mutter verbringen, und sie müssen allzu oft Aufgaben und Verantwortung von und für diese übernehmen. Diese Lebenssituation erzeugt bei kleinen Kindern Angst, bei größeren auch häufig Wut und diese dann ihrerseits wieder Schuldgefühle. Die Wut hat ihre Wurzel auch in der sozialen Situation der Kinder. Die Tabuisierung einer psychischen Erkrankung ist ja eben nicht nur ein innerfamiliäres, sondern auch ein gesellschaftliches Phänomen. Für eine psychisch kranke Mutter meint man sich als Kind genieren zu müssen und schweigt am besten darüber.

Wie kann derart belasteten Kindern und ihren Familien geholfen werden?

Als erster Schritt tut Aufklärung not. Dabei stellt sich aber vor allem das Problem, wie diese zumeist eher unauffällig und angepasst lebenden Kinder und Jugendlichen zu erreichen sind. Eine altersgemäße Information von Kindern als Angehörige psychisch Kranker sollte zur Routine jeder psychiatrischen Arbeit werden. Das gilt sowohl für den stationären als auch für den ambulanten Bereich. Voraussetzung dafür aber ist, zunächst ein Problembewusstsein bei den dort tätigen Professionellen zu entwickeln.

Darüber hinaus müssen aber auch all jene Personenkreise, die zu Ansprechpartnern für betroffene Kinder werden können – z.B. Lehrer/innen, Erzieher/innen, Haus- und Kinderärzt/innen – mit diesem Anliegen vertraut gemacht werden. Gelingt es dadurch, das Tabu zu brechen, so kann ein neues Gesprächsklima entstehen, das für die Familien große Entlastung bringt.

Daneben gibt es gravierende Probleme und Defizite bei Hilfsangeboten für die Kinder und ihre Familien. Eine Ursache dafür ist, dass angesichts der komplexen Problematik den Fachleuten die Kompetenz fehlt, die Familien wirklich als Einheit zu sehen. So neigen z.B. die Erwachsenenpsychiater dazu, die Kinder zu vergessen oder spannen sie als eine Art Hilfstherapeuten ein. In Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe fehlt vielfach die nötige psychiatrische Kompetenz. So beziehen sich vorhandene Hilfsangebote nur auf einen Teil des familiären Systems; die Hilfemöglichkeiten und Finanzierungswege sind zersplittert; und die Verständigung zwischen den verschiedenen Versorgungssystemen ist unzureichend – von Kooperation oder Vernetzung ganz zu schweigen.

Was tun?

Kinder und ihre Familien brauchen individuell auf ihren jeweiligen Bedarf zugeschnittene niedrigschwellige Hilfen. Dies sollte durch ein angemessenes, strukturiertes Unterstützungssystem ergänzt werden.

Es sollten in ausreichender Zahl Mutter-Kind-Einheiten in den psychiatrischen Kliniken bzw. auf den psychiatrischen Stationen der Allgemeinkrankenhäuser eingerichtet werden. Legt man Zahlen aus Großbritannien zugrunde, ergibt sich die Notwendigkeit, 9,6 Betten pro 1 Mio. Einwohner vorzuhalten. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl und Geburtenrate in Deutschland ergibt das ca. 750 Betten zur stationären Aufnahme von Müttern mit ihren Kleinkinder. Die Finanzierung der stationären Mitbehandlung des Kindes durch die Krankenkassen und/oder Mitbeteiligung der Sozialämter muss geregelt werden.

Auch nachstationäre Betreuungsbereiche für psychisch kranke Mütter/ Eltern mit ihren Kindern gibt es nur sehr selten. Gegenwärtig ist gerade diese Konstellation oftmals ein Ausschlussgrund für die Aufnahme in bestehenden Einrichtungen.

Entwicklung wohnortnaher Betreuungsmöglichkeiten

Hierbei geht es nicht in erster Linie um die Schaffung neuer Institutionen, sondern um die sinnvolle Vernetzung vorhandener Angebote aus den Bereichen Erwachsenen- und Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe. Das erfordert verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit, vor allem zwischen Klinik, ambulanten psychiatrischen Einrichtungen und der Jugendhilfe, sowohl bei der konkreten Koordination der Hilfen im Einzelfall als auch bei der Planung künftiger Versorgungsstrukturen. Unbedingt nötig für diese Zusammenarbeit ist, diese Thematik in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter/innen aufzunehmen bzw. zu intensivieren. Auch die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat zuletzt 2013 gefordert, diese Familie stärker in den Blickzu nehmen: sowohl bei den Hilfen für Kinder als auch bei psychiatrischer Behandlung der Eltern.

Darüber hinaus muss die Öffentlichkeit angemessen informiert werden, um das Thema – und damit auch die betroffenen Familien – von der Last des schamhaften Verschweigens zu befreien. So ist vielleicht der Abbau der Tabuisierung psychischer Krankheit der schwierigste, aber auch der wichtigste Schritt für die Verbesserung der Situation der Kinder psychisch kranker Eltern.

Abschließend möchte ich aus dem Brief einer Mutter zitieren: “Kinder und Angehörige sind immer Betroffene, und das ist für die Kranken schlimmer, als Sie denken. Aber ich wehre mich dagegen, sie zu Kranken zu machen. Helfen sollte man denen, die Hilfe wollen. Unterstützen muss man alle.”

Hinweise für Eltern

Wenn in einer Familie ein Elternteil psychische Probleme hat, ist es zunächst wichtig, Hilfe für die erkrankte Mutter oder den erkrankten Vater zu organisieren. Auswirkungen hat die Erkrankung aber auf die gesamte Familie, und auch die Kinder haben Aufmerksamkeit nötig.

Kinder erziehen ist nicht einfach. Alle Eltern fragen sich manchmal, ob sie es richtig machen. Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt ist, wird das Ganze dadurch nicht leichter. Neue Fragen kommen dazu. Wenn Sie sich wegen Ihrer Kinder Sorgen machen, dann sprechen Sie darüber: mit der Familie, mit Freunden, Nachbarn oder Fachleuten!

Zehn praktische Tipps

  1. Erklären Sie, was los ist. Ihr Kind merkt, dass etwas nicht stimmt. Deshalb erklären Sie ihm, was genau los ist. Sie können selber damit beginnen oder warten, bis Ihr Kind fragt. Manche Kinder möchten sich nicht zu einem richtigen Gespräch hinsetzen. Sie reden lieber beim Abwaschen oder beim Ins-Bett-gehen. Dann fühlen sie sich wohler.
     
  2. Seien Sie ehrlich. Erklären Sie mit eigenen Worten, was Sie beschäftigt. Und fragen Sie zur Sicherheit nach, ob Ihr Kind Sie verstanden hat. Vielleicht stellt Ihr Kind Fragen, auf die Sie keine Antwort haben. “Ich weiß es nicht” , kann dann die ehrlichste Antwort sein.
     
  3. Hören Sie Ihrem Kind zu. Wenn Sie Ihrem Kind erklären, was los ist, fragen Sie doch auch ab und zu nach seinen Eindrücken und seiner Meinung. Und hören Sie dann genau hin. Kinder fühlen sich wohler, wenn man ihnen gut zuhört und versteht, was sie sagen wollen. Mit Kindern sprechen heißt vor allem: ihnen zuhören.
     
  4. Beobachten Sie Ihr Kind. Kinder zeigen oft durch ihr Verhalten, wie es ihnen geht. Wenn sie sich auffällig benehmen, kann das ein Zeichen dafür sein, dass sie durch etwas belastet sind: Wieder einnässen, die Schule schwänzen oder von zu Hause weglaufen – das sind deutliche Signale. Manchmal sind die Veränderungen aber nicht so offensichtlich. Das bedeutet, dass Sie genau auf Ihr Kind achten müssen, um auch unscheinbare Veränderungen in seinem Verhalten feststellen zu können.
     
  5. Halten Sie an vertrauten Gewohnheiten fest. Für Kinder bedeutet Regelmäßigkeit Ruhe und Sicherheit. Wenn in der Familie Probleme auftreten, kann dem Kind ein Gefühl von Sicherheit vermittelt werden, wenn gewisse Dinge wie gewohnt weitergehen: wenn es z.B. wie immer seine Hausaufgaben machen muss, weiterhin im Sportclub mitturnen oder anderen Hobbys nachgehen kann.
     
  6. Verlangen Sie nicht von sich, alles alleine machen und bewältigen zu müssen. Beziehen Sie auch andere Erwachsene mit ein: etwa Familienmitglieder, Nachbarn, Lehrer/innen oder andere Eltern. Ziehen Sie auch in Betracht, sich von Fachleuten Beratung und Hilfe zu holen.
     
  7. Informieren Sie die Schule. Wenn in einer Familie ein Elternteil in eine Klinik aufgenommen werden muss, sollte die Schule darüber informiert werden – vor allem dann, wenn Ihr Kind so belastet ist, dass es in der Schule nicht mehr so gut aufpassen kann. Wenn der Lehrer weiß, was los ist, kann er Ihr Kind besser unterstützen. Sagen Sie dem Kind, dass Sie mit seinem Lehrer gesprochen haben.
     
  8. Akzeptieren Sie, wenn Ihr Kind sich jemand anderem anvertraut. Viele Kinder haben das Bedürfnis, mit jemand Außenstehendem zu sprechen – mit einem Onkel oder einer Tante, mit der Nachbarin oder dem Lehrer. Sie möchten vielleicht die Eltern mit ihren Sorgen nicht noch zusätzlich belasten. Es geht ihnen also nicht darum, etwas auszuplaudern. Es besteht kein Anlass, gleich misstrauisch oder eifersüchtig zu werden, wenn Ihr Kind mit jemand anderem spricht.
     
  9. Beanspruchen Sie professionelle Hilfe, wenn es nötig ist. Für manche Kinder wird die Belastung trotz allem zu groß. Sie sprechen mit niemandem, oder die Gespräche scheinen ihnen nicht zu helfen. Dann müssen Sie als Eltern sich Unterstützung holen.
     
  10. Vergessen Sie das Allerwichtigste nicht: ein Lächeln und eine Umarmung. Welche Probleme auch immer bestehen – für Ihr Kind ist es das Wichtigste, dass Sie es lieben. Jeder Vater und jede Mutter drücken das auf eigene Art aus: mit freundlichen Worten, einem Lächeln oder einer Umarmung. Wenn Sie Ihre Liebe dem Kind nur zeigen, jeden Tag aufs Neue – das hilft über vieles hinweg!

 

(entnommen der Broschüre “Wie geht es dann den Kindern” , s.u.).

Literatur

Mattejat, Fritz/Lisofsky, Beate (2014): Nicht von schlechten Eltern. Kinder psychisch Kranker. Bonn: Psychiatrieverlag, 4. Korrigierte und ergänzte Auflage.

Informationsbroschüren zum Thema für Kinder, Jugendliche und Eltern finden Sie hier.

Autorin

Beate Lisofky, Dipl. Journalistin, Pressereferentin des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker BApK-Pressebüro

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Erstellt am 22. April 2002, zuletzt geändert am 19. Juni 2015