Selbstbewusst Vater bleiben

Prof. Verena Krähenbühl

Kr _henb _hl Foto
 

Wenn die Eltern sich trennen, brauchen Kinder gerade auch den Vater, der aktiv und bewusst seine neue Rolle als Teilzeitvater für die Kinder und sich selbst gewinnbringend gestaltet.

I. Wenn die Kinder die meiste Zeit bei der Mutter leben

Neue Rolle des Teilzeitvaters
Aus der gemeinsamen Wohnung mit Ihrer geschiedenen Frau und den gemeinsamen Kindern sind Sie ausgezogen und leben seither meist allein; Ihre Kinder sehen Sie nur zu festgelegten Zeiten. Bestimmt fragen Sie sich, wie Sie weiterhin Vater Ihrer Kinder bleiben können, obwohl Sie nun vom Alltag Ihrer Kinder weitgehend ausgeschlossen sind. Der Terminkalender regelt Ihre gemeinsame Zeit. Ein Wochenende für das Wiedersehen ist kurz – wie ist es möglich, sich in dieser kurzen Zeit aufeinander einzulassen? Reichen die wenigen Stunden des Zusammenlebens, um die Vaterrolle zu gestalten und die väterliche Beziehung weiter zu entwickeln, ja zu vertiefen?

Abschiednehmen
Eine Grundvoraussetzung dafür, die kurze Zeit des Beisammenseins mit den Kindern gewinnbringend gestalten zu können, ist, dass Sie sich von der geschiedenen Partnerin verabschieden oder sich verabschiedet haben. Dazu ist notwendig, über den Verlust des Menschen, der Ihnen einmal besonders nahe gestanden hat, bewusst und aktiv trauern zu können. Zum Abschiednehmen gehört häufig auch, den Machtkampf mit der geschiedenen Partnerin zu beenden, nicht mehr alte Rechnungen begleichen zu wollen oder neue aufzumachen – sich also von ihr zu lösen.

Sie haben nun die Aufgabe, sich auch ein Stück von Ihren Kindern zu lösen. Da Sie deren Alltag nicht mehr wie bisher begleiten, werden Sie auch nicht mehr in allen Bereichen mitbestimmen können. Eine bisherige mehr oder weniger intensive Beziehung auf Wochenenden zu beschränken und sie so auf eine ganz neue Weise zu leben, kann zunächst verwirrend und belastend sein. Die Balance zu finden, im Alltag ohne die Kinder zu leben und dennoch den Kontakt mit ihnen zu halten, ist eine ganz neue, wichtige Herausforderung für Sie. Jeder Abschied von den Kindern nach einem gemeinsamen Wochenende tut weh.

Neue Beziehungen aufbauen
Sie waren bisher eingebunden in das Beziehungsnetz Ihrer Familie. Wenn Sie nun abends nach Hause kommen, fehlt Ihnen der Gedankenaustausch mit den Ihnen vertrauten Menschen und Sie fühlen sich vielleicht allein. Sie brauchen neue Beziehungen, möglicherweise neue Freunde und ein neues Beziehungsnetz. Die berufliche Arbeit kann Ihnen die Familie nicht ersetzen. Gehen Sie auf neue Herausforderungen zu. Die Zeit zwischen den Wochenenden mit den Kindern kann lähmend lang sein, wenn Sie keine neuen Ziele haben, auf die Sie hinarbeiten. Sie müssen womöglich ganz neu lernen, sich um sich selbst zu kümmern, sich selbst wichtig zu nehmen und Selbstvertrauen aufzubauen.

Kooperation mit der Mutter Ihrer Kinder
Der Abschied von der getrennt lebenden Partnerin kann Ihnen helfen, die Paar- von der Elternebene klar zu unterscheiden. Gegenüber Ihrer früheren Partnerin empfinden Sie vielleicht Wut und Enttäuschung, aber auf der Elternebene ist es wichtig, Formen der Kooperation und Anerkennung zu entwickeln und zu finden, denn diese Frau ist und bleibt die Mutter Ihrer Kinder. Sie haben sich zwar von Ihrer Partnerin getrennt, aber Eltern bleiben Sie und die Mutter Ihrer Kinder Ihr ganzes Leben lang. Sie beide sind für Ihre Kinder eine wichtige Quelle der Identitätsfindung und stärken deren Selbstbewusstsein. Dazu ist wichtig, dass Sie Frieden mit sich selber schließen, Ihr neues Leben annehmen und dadurch auch zur Akzeptanz und wenn möglich Wertschätzung der Mutter Ihrer gemeinsamen Kinder kommen.

Zusammenleben im „Vaterhaus“
Ihre Kinder leben nach der Trennung in zwei Haushalten, unter zwei Dächern, im “Mutterhaus” und bei Ihnen im “Vaterhaus”; sie pendeln zwischen diesen Wohnungen. Dazu ist von Ihrer Seite her notwendig, dass Sie sich nicht darauf verlassen, dass die Kinder bei ihrer Mutter ein Zuhause haben, sondern dass Sie ihnen bei sich ein weiteres Zuhause schaffen. Dazu gehört ein eigenes Bett und wenn irgend möglich ein eigenes Zimmer – auf jeden Fall ein eigener Bereich, den die Kinder ausgestalten, in den sie sich zurückziehen und in dem sie sich wohl fühlen können. Vielleicht gibt es Kinder ähnlichen Alters wie Ihre Kinder in der Nachbarschaft, mit denen sie Kontakt aufnehmen und spielen können.

Kinder möchten spüren, dass sie beim Vater, den sie nur an den Wochenenden sehen, willkommen sind und dort nicht einfach “geparkt” werden, weil vielleicht die Mutter ein freies Wochenende braucht. Ihre Kinder möchten zu Ihnen nicht einfach zu Besuch kommen. Besuche sind unverbindlich und können auch abgesagt werden, wenn sie einem nicht passen. Kinder möchten bei Ihnen zu Hause sein.

Absprachen der getrennt lebenden Eltern
Damit sich Ihre Kinder unter beiden Dächern wohl fühlen, sind klare Absprachen zwischen beiden Elternteilen notwendig. Vereinbaren Sie über einen längeren Zeitpunkt feste Termine und feste Uhrzeiten, aber auch, wann wer die Kinder abholt bzw. zurückbringt. Eine solche Zuverlässigkeit in den Absprachen schafft Verlässlichkeit in der Beziehung der Eltern untereinander und gibt den Kindern Halt und Sicherheit.
Das Thema “Geld” darf kein Gesprächsinhalt sein zwischen Ihnen und den Kindern; es gehört in die Auseinandersetzung mit der Mutter der Kinder. Kinder dürfen keine Boten sein, die benutzt werden, um Mitteilungen hin- und herüber zu senden: Die Regelungen sollen unter den Eltern direkt festgemacht werden. Die Gestaltung von Geburtstagen und Feiertagen ( z.B. Weihnachten, Ostern, Erstkommunion, Konfirmation) sollte so geregelt werden, dass Ihre Kinder in beiden Familien, gerade auch bei den Großeltern, weiterhin präsent und wichtig sind.

Neues Vaterbild entwickeln
Mit der Aufnahme der Rolle als Vater, der die meiste Zeit getrennt von seinen Kindern lebt, ist häufig ein längerer Lernprozess verbunden. Vätern fehlen häufig Vorbilder, da die Gesellschaft bis vor kurzem den “Teilzeitvater” oder “Wochenendvater” kaum wahrgenommen hat. Es gibt bisher ja auch keine zutreffende Bezeichnung für diese neue Rolle. Väter selbst haben sich häufig nach der Scheidung von der Familie zurückgezogen und ihre Rolle nicht mehr wahrgenommen.

Um Ihre neue Position und Rolle als Vater gestalten zu können, brauchen Sie eine Vision für ein neues Selbstverständnis und ein neues Vaterbild. Das Verständnis, dass ein guter Vater vorwiegend Regeln setzt und durchsetzt, reicht für diesen Vatertypus (wie auch für andere Väter!) nicht aus. Die kurze Zeit, in der das Kind mit Ihnen zusammen lebt, möchte es seinen Vater erleben. Es reicht nicht aus, das Kind mit Geschenken und Aktivitäten zu überhäufen. Sie brauchen nicht jedes Wochenende mit Ihrem Kind auf den Rummelplatz zu gehen. Sie sollen nicht Animateur für Ihr Kind sein, sondern Ihr Kind möchte, dass Sie ihm zugewandt und ansprechbar sind, dass Sie seine Sorgen aufnehmen und Zeit haben – dass Sie ein Vater sind, der sein Kind im wahrsten Sinn des Wortes umsorgt (to care). Werden Sie der beste Freund und Begleiter Ihres Kindes! In einer solchen personalen Beziehung werden Sie selbst als Vater reich beschenkt.

II. Wenn die Kinder die meiste Zeit beim Vater leben

Selbstzweifel und Schuldgefühle der Teilzeitmutter
In den selteneren Fällen, in denen die Eltern bei der Trennung entscheiden, dass ihre Kinder vorwiegend beim Vater leben, übernimmt die Mutter die Rolle der “Teilzeitmutter” . Diese Mütter haben es nicht nur mit den Fragen, Aufgaben und Schwierigkeiten zu tun, wie sie oben für den Vater beschrieben sind. Für sie kommen häufig Selbstzweifel und Schuldgefühle hinzu. In unserer Gesellschaft besteht immer noch die klare Vorstellung, dass Mütter zu ihren Kindern gehören. Wenn sich Mütter für die Berufstätigkeit entscheiden und die Erziehung der Kinder zum großen Teil dem Vater der gemeinsamen Kinder überlassen, müssen sie befürchten, als “Rabenmutter” abgestempelt zu werden.
Mütter, die die meiste Zeit ohne ihre Kinder leben, stellen sich und ihre Entscheidung häufig in Frage und befürchten, dass ihre Kinder sich aufgrund dieser Regelung von ihnen verlassen fühlen. So machen sie sich verstärkt Sorgen um die weitere Entwicklung der Kinder. “Wie werden meine Kinder über mich denken, wenn sie älter werden?, fragen sie sich.

Konkurrenz zur neuen Frau des Vaters des Kinder
Wenn der Vater der Kinder eine neue Beziehung zu einer Frau eingeht und diese als Stiefmutter in das Leben der Kinder tritt, empfindet dies die Mutter häufig als starke Bedrohung. Sie befürchtet, dass ihre Kinder und deren Umfeld nun die neue Frau als die bessere und “wahre” Mutter betrachten und dass sie als leibliche Mutter abgelöst und verlassen wird.
Für die Mutter ist wichtig, dass sie sich von der Zuschreibung löst, eine “schlechte Mutter” zu sein, und dass sie sich von ihren negativen Gefühlen nicht lähmen lässt. Eine Selbsthilfegruppe kann ihr dabei eine große Hilfe sein.

Literatur

  • Verena Krähenbühl, Anneliese Schramm-Geiger, Jutta Brandes-Kessel (2000): Meine Kinder, deine Kinder, unsere Familie. Wie Stieffamilien zusammenfinden. Reinbek.
  • Verena Krähenbühl, Hans Jellouschek, Margarete Kohaus-Jellouschek, Roland Weber (2011): Stieffamilien. Struktur – Entwicklung – Therapie. Freiburg, 7. Auflage.

Autorin

Verena Krähenbühl, Professorin (i.R.) für Sozialarbeitswissenschaft, Evangelische Hochschule Darmstadt. Bis 2010 freiberuflich als Paar-, Familien- und Organisationsberaterin tätig.

 

Kontakt

Prof. Verena Krähenbühl
Am Falltor 3 A
D 64390 Erzhausen
Email
 

Erstellt am 24. Januar 2003, zuletzt geändert am 4. Dezember 2013