Paradigmenwechsel Inklusion: 10 Anregungen für Schulen

“Inklusion ist weltweit ein Thema. Es gibt international erstaunliche Fortschritte, die uns ermutigen sollten, statt zaghaft um Stolpersteine herum zu kreisen.” Peter Friedsam, der zum Beraterkreis der Robert Bosch Stiftung gehört, plädiert dafür, Inklusion anspruchsvoll und selbstbewusst einzufordern.

Der einstige Schulleiter ist Gesamtleiter des regionalen Bildungs- und Beratungszentrums Hamburg-Bergedorf. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen hat er zehn Themen und Thesen identifiziert, von denen Schulen kurz-, mittel- und längerfristige Ziele ableiten und in das Schulprogramm ihrer Schule einfließen lassen können.

1. Inklusion ist ein Gewinn für die Gesellschaft

Inklusion braucht eine entsprechende Haltung der ganzen Schule, denn sie ist ein Gewinn für Schule und Gesellschaft. Inklusion eröffnet neue Entwicklungschancen für jedes Kind und folgt dem Ziel eines wertschätzenden Umgangs aller Menschen miteinander.

2. Inklusion braucht eine fordernde Bildungspolitik: Es gibt keine kostenneutrale Umsetzung

Schule und Politik sollten darauf beharren, dass Inklusion Geld kosten darf. „Es gibt keine kostenneutrale Umsetzung!“, so Peter Friedsam. Mehr und multiprofessionelles Personal, geeignete Räume, neues Material, Fort- und Weiterbildung sind ressourcenintensiv und kosten Geld.

3. Inklusion braucht aus-, fort- und weitergebildete Lehrkräfte

Das Nebeneinander einzelner sonderpädagogischer Fachrichtungen ist ebenso zu hinterfragen wie eine rein nach Schulformen getrennte Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung. Vor allem müssen vielfältige Methoden der pädagogischen Diagnostik vermittelt werden. Diese Diagnostik richtet ihren Fokus auf die Stärken eines Kindes und seines Bezugssystems.

4. Inklusion muss multiprofessionell und interdisziplinär angelegt werden

Multiprofessionalität und Interdisziplinarität ist ein durchgängiges Ausstattungsprinzip inklusiver Schulen. Es korrespondiert mit entsprechenden Arbeitsprinzipien und Teamstrukturen. Dies wiederum setzt u. a. voraus, dass Teambesprechungen Arbeitszeit sind, dass sie einer verlässlichen Jahresplanung folgen und dass auf das Team bezogene Fortbildungen Standard werden.

5. Das „Zwei-Pädagogen-System“ als Gelingensbedingung für Inklusion

Anzustreben ist eine durchgängige Doppelbesetzung aus einer Lehrkraft mit einem Sonderpädagogen, Sozialpädagogen, Therapeuten etc. (Professionenmix). Im Rahmen von mehr Schulautonomie können Strukturen erarbeitet werden, die eine Flexibilisierung des Personaleinsatzes ermöglichen. In Kommunen, wo das Nebeneinander z. B. der Ressorts Schule und Jugend aufgehoben wurde, können therapeutische Unterstützungen direkt in die Schulen fließen.

6. Inklusion heißt: anders unterrichten und Leistung anders bewerten

Lehr- und Lernprozesse in inklusiven Schulen brauchen eine veränderte Feedbackkultur, ein anderes Bewertungssystem und eigene „inklusive“ didaktische Modelle und Materialien. Leistungsmessung geschieht durch Lernentwicklungsberichte, durch Leistungsdokumentation und angepasste Zeugnisformate. Das Notensystem wird abgelöst von einem System der Kompetenzmessung und -beschreibung.

7. Inklusive Pädagogik gedeiht in einer entsprechenden Schulkultur

Die inklusive Schule ist ein Ort der Begegnung und des wertschätzenden Umgangs miteinander. Ihre Schulkultur eröffnet inner- und außerschulische Angebote in vielen verschiedenen Bereichen und vernetzt sich mit regionalen Partnern. Soziales Lernen und die Übernahme von Verantwortung stehen dabei im Mittelpunkt.

8. Inklusion braucht Leitung

Wie bei allen schulischen Veränderungsprozessen nehmen Schulleitungen auch in einer inklusiven Schule eine Schlüsselrolle ein. Auf sie kommt eine Rollenerweiterung zu, die ihnen u. a. abfordert, die Zusammenarbeit multiprofessioneller Teams zu steuern, neue Kommunikationsprozesse anzubahnen und zu begleiten, Über- oder Unterforderung von Kolleginnen und Kollegen im Blick zu behalten. Die Veränderungsprozesse müssen umsichtig, professionell und transparent erfolgen.

9. Inklusion braucht Standards und Evaluation

Es ist eine große Herausforderung, Instrumente zu entwickeln und einzusetzen, die auf den ersten Blick „Nichtvergleichbares“ objektiv messen können. Auch inklusiv arbeitende Schulen müssen sich an Vergleichsarbeiten beteiligen und im Sinne eines professionellen Qualitätsmanagements evaluierbar sein.

10. Inklusion braucht Eltern

In einer Schule als Ort der Begegnung sind Transparenz und Partizipation gefragt. Hier nehmen Eltern als Teil der Schulgemeinschaft und des Sozialraums eine wichtige Rolle in der Vernetzung und Kooperation der Schule ein. Gute Beispiele gibt es bereits viele. Gleichzeitig geht es darum, dass Schule Eltern und deren Kinder in besonderen Problemlagen wahrnimmt, Beratungs- und Unterstützungsbedarfe anbietet und mit weiteren Diensten regelhaft kooperiert. ‹‹

Zur Person

Die zehn Themen und Thesen zum Paradigmenwechsel Inklusion sind eine knappe Zusammenfassung dessen, was der Experte Peter Friedsam auf Kongressen, Tagungen und Workshops referiert und verfasst. Bis 2007 war er Leiter des sonderpädagogischen Förderzentrums der Carl-von-Linné-Schule in Berlin, das für herausragende pädagogische Leistungen mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde; danach stand er der Hamburger Schule An der Twiete als Schulleiter vor. Kontakt: peterfriedsam@web.de

Quelle

Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 65