Hausaufgaben im Hort

Bernd Becker-Gebhard

Becker-gebhard


 

 

Interview mit Bernd Becker-Gebhard, Diplompsychologe, Experte in Fragen Horterziehung, Wissenschaftlicher Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik

Die Erledigung der Hausaufgaben erscheint für alle Beteiligten ein leidiges Problem. Warum sind sie so problematisch?

Bernd Becker-Gebhard: “Die Beteiligten sind die Schulkinder, deren Eltern, die Hortfachkräfte und die Lehrkräfte der Schule, die im Hinblick auf das Thema Hausaufgaben jeweils ihre eigenen Perspektiven, also unterschiedliche Erwartungen haben. So erwarten Lehrerinnen und Lehrer, dass die von ihnen gestellten Aufgaben von ihren Schülern zuverlässig und möglichst fehlerfrei bewältigt werden, dass Eltern ihren Kindern dabei zur Seite stehen und die Horte mit ihrer Hausaufgabenbetreuung garantieren, dass dies alles auch geschieht. Berufstätige Eltern benötigen die Unterstützung der Hortfachkräfte und erwarten häufig, dass ihre Kinder fertige Hausaufgaben aus dem Hort nach Hause bringen.”

Lösen Hortkräfte diese Erwartungen nicht ein?

Bernd Becker-Gebhard: “Die Hortfachkräfte sehen die Hausgabenbetreuung als einen wichtigen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit an, möchten mit ihren pädagogischen Angeboten außer dem Bereich der Schule aber auch andere Themen ansprechen können, die für die Entwicklung der Kinder bedeutsam sind. Dazu gehören z. B. die Selbständigkeit der Kinder und die Übernahme von Verantwortung, die Gestaltung von Beziehungen zu anderen Kindern und zu Erwachsenen, die Kommunikation mit anderen, das ästhetische Empfinden und die Entwicklung eines eigenen Stils, die Auseinandersetzung mit wichtigen Themen wie Frieden, Umwelt und Gesundheit.”

Und wie geht es den Kindern mit den Hausaufgaben?

Bernd Becker-Gebhard: “In der Hausaufgabenbetreuung wird auch die Perspektive der Kinder deutlich: Befragungen von Schulkindern und Fachkräften in Bremen und Bayern deuten darauf hin, dass zahlreiche Schüler/innen die ihnen gestellten Hausaufgaben ohne Hilfestellung nicht bewältigen können und für viele die Aufgaben zu umfangreich sind. Nur wenige Schüler/innen halten die Hausaufgaben für interessant.

Die vielfältigen Probleme werden dadurch verschärft, dass die gegenseitigen Erwartungen der beteiligten Kinder, Eltern, Fachkräfte und Lehrkräfte meistens nicht genügend geklärt werden. Häufig steht eine Perspektive im Vordergrund, wird diejenige der Kinder zu selten und nur unvollständig berücksichtigt, entstehen für die Hortfachkräfte Konflikte, wenn sie sich den Erwartungen der Eltern und der Schule ohne eigene, pädagogisch begründete Positionen, gegenüber sehen.”

Erwarten die Eltern zu viel, wenn sie der Ansicht sind, im Hort sorgen die Pädagogen/innen schon dafür, dass die Kinder ihre Hausaufgaben ordentlich erledigen?

Bernd Becker-Gebhard: “Die eine Elternerwartung gibt es nicht. Es liegen stattdessen unterschiedliche Erwartungen vor, die mit der jeweiligen Lebenssituation der Eltern zusammenhängen. Vor etwa zehn Jahren hatten wir noch ausgehend von Befragungen bayerischer Horteltern den Eindruck, dass Hausaufgabenbetreuung in der Liste der Arbeitsschwerpunkte des Hortes, die Eltern für notwendig halten, an erster Stelle steht. Neuere Befragungen zeigen, dass Hausaufgabenbetreuung zwar weiterhin als eine wichtige Aufgabe des Hortes angesehen, die Eltern aber zugleich eine Förderung der Freundschaften ihrer Kinder, gute Beziehungen ihrer Kinder zu den Fachkräften und eine gute Atmosphäre im Hort haben wollen. Die Orientierung des Hortes muss in der jeweiligen konzeptuellen Grundlage sichtbar werden: Welche Ziele hat der Hort in diesem Bereich, welche Unterstützung gibt er den Kindern, wie organisiert er die Hausaufgabenbetreuung, welche Verantwortung haben Kinder und Eltern, wie sieht die Kooperation mit den Lehrkräften in der Schule aus? Wenn Eltern ständig, also nicht nur in komplizierten Lebenssituation wie z. B. im Fall einer schweren Krankheit, ihre Verantwortung im Hinblick auf die Bewältigung der Hausaufgaben dem Hort übertragen wollen, erwarten sie mit Sicherheit zu viel von den Fachkräften.”

Können die Fachkräfte im Hort einen Nachhilfelehrer ersetzen?

Bernd Becker-Gebhard: “Welche Aufgaben könnte ein ” Nachhilfelehrer ” bei der Hausaufgabenbetreuung haben? Geht es um die Wiederholung des Stoffes, um die Erklärung der Aufgaben, um Disziplin und Kontrolle? Fachkräfte des Hortes können nicht den Unterricht der Schule nachholen und mögliche Defizite ausgleichen. Sie können jedoch die Schulkinder ermutigen, sich mit den Hausaufgaben auseinander zu setzen, und ihnen ermöglichen, dies in einem ansprechenden Rahmen (Arbeitsklima) zu tun. Sie können den Kindern auch dabei helfen, über ihre Anliegen bezüglich der Hausaufgaben mit ihren Lehrer/innen zu verhandeln, zum Beispiel dann, wenn die Aufgaben nicht verstanden oder als zu umfangreich angesehen werden. Zahlreiche Schulkinder müssen und können im Hort lernen, wie man mit der Lehrerin oder dem Lehrer über ein Anliegen sprechen, also verhandeln kann.”

Was können Lehrer dazu beitragen, dass das Problem der Hausaufgaben entschärft wird?

Bernd Becker-Gebhard: “Hausaufgaben werden von Lehrkräften gestellt und von den Kindern bewältigt, und zwar entweder selbständig oder mit Unterstützung von Fachkräften, Lehrkräften oder anderen Kindern. In der Regel erhalten alle Kinder einer Schulklasse die gleichen Aufgaben, ganz gleich, ob sie mit dem Tempo der Klasse Schritt halten können, dem Durchschnitt voraus oder im Rückstand sind. Lehrer/innen sind grundsätzlich nicht darüber informiert, wo und in welcher Weise die Aufgaben erledigt werden, wie viel Zeit die Schüler/innen dafür benötigen, ob sie Ärger mit den Eltern in diesem Zusammenhang haben, welche Auffassungen die Schüler über die Art und den Umfang der Aufgaben haben. Darüber hinaus sollte jede Lehrkraft sich über ihre Erwartungen an die Hausaufgaben klar werden: Was sollen bzw. können Hausaufgaben, die außerhalb der Schulzeit bewältigt werden müssen, zur Erreichung der Unterrichtsziele und zum Schulerfolg der Kinder beitragen? Alle diese Themen und Fragen gilt es gemeinsam mit den Schüler/innen, den Eltern und Fachkräften des Hortes zu bearbeiten. Ein erster Schritt zur Entschärfung der Hausaufgabenproblematik könnte die Thematisierung des Anliegens Hausaufgaben im Unterricht darstellen, um beide Perspektiven – die der Schule und die der Kinder – sichtbar zu machen und um eine gemeinsame Lösung zu finden. Ein weiterer Schritt wäre die Kooperation der Schule mit dem Hort: Was sehen die Fachkräfte bei der Hausaufgabenerledigung?”

Worauf sollte geachtet werden, wenn Kinder ihre Hausaufgaben machen?

Bernd Becker-Gebhard: “Für die Bewältigung der schulischen Anforderungen tragen alle Beteiligten Verantwortung. Inwieweit Kinder ihre Hausaufgaben erfolgreich bewältigen können, hängt von einigen Voraussetzungen ab, für die Lehrkräfte, Lehrkräfte und Eltern verantwortlich sind:

  • Sind der Schwierigkeitsgrad und der Umfang der Hausaufgaben dem Entwicklungsstand des Kindes angemessen?
  • Welche Probleme liegen vor z.B. im Hinblick auf das Verständnis der Hausaufgaben, der Konzentrationsfähigkeit des Kindes?
  • Was kann das Kind selbständig erledigen?
  • Welche Unterstützung kann gegeben werden? Z.B. Arbeitsatmosphäre gewährleisten, Nachschlagwerke zur Verfügung stellen?
  • Ist eine flexible Handhabung der Hausaufgabenzeit notwendig – welche Verantwortung kann das Kind übernehmen?
  • Welche Kinder können sich bei den Hausaufgaben gegenseitig unterstützen?
  • Welche Vereinbarungen können zwischen Fachkräften, Lehrkräften und Eltern geschlossen werden, z.B. bezüglich Schwierigkeit und Umfang der Hausaufgaben, Kontrolle der Erledigung, Rückmeldung für die Schüler/innen, Verantwortung/Beteiligung der Kinder, Umfang der Betreuung im Hort?”

Recht herzlichen Dank für Ihre Auskünfte!

Autor

Bernd Becker-Gebhard war wissenschaftlicher Referent am
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
80797 München

Erstellt am 9. Dezember 2002, zuletzt geändert am 23. März 2010