Krippenausbau in Deutschland – Psychoanalytiker nehmen Stellung

Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung

Als Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker erfahren wir in unserer täglichen Praxis die Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen. In den ersten drei Lebensjahren wird die Grundlage für die seelische Gesundheit eines Menschen gelegt. In dieser sensiblen Entwicklungszeit bedeuten regelmäßige ganztägige Trennungen von den Eltern eine besondere psychische Belastung für die Kinder. Die Diskussion über den geplanten Ausbau der Krippenbetreuung für Kinder unter drei Jahren erscheint uns daher zu kurz gegriffen, wenn sie sich nur auf demographische, bildungs- und arbeitsmarktpolitische Aspekte konzentriert.

Aus verschiedenen Gründen können Mütter und Väter auf außerfamiliäre Betreuung ihrer Kinder angewiesen sein. Um die Faktoren, die bei Krippen- oder Tagesmutterbetreuung die gesunde Entwicklung des unter dreijährigen Kindes gefährden, beachten und ihre Auswirkungen mildern zu können, ist ein gesellschaftliches und individuelles Bewusstsein für die Bedeutung früher Trennungserfahrungen umso wichtiger.

Wir gehen von folgendem Wissen aus, das auf Forschungsergebnissen und psychoanalytischer Erfahrung beruht: Während der ersten 36 Lebensmonate ist das Kind wegen seiner körperlichen und seelischen Verletzlichkeit ganz besonders auf eine schützende und stabile Umgebung angewiesen. Es bindet sich an die Menschen, die ihm am verlässlichsten zur Verfügung stehen. Bindung ist für das Kind eine Überlebensnotwendigkeit. Sie bildet die Grundlage für sein Selbstwertgefühl und seine Fähigkeit, tragfähige Beziehungen aufzubauen. Seine emotionale und kognitive Entwicklung wird in der frühen Kindheit durch die Stabilität seiner Beziehungen gefördert. Einfühlung in seine Bedürfnisse, Verfügbarkeit einer verlässlichen Bezugsperson, regelmäßige Alltagsstrukturen helfen dem Kind, ein „Urvertrauen“, das gerade in dieser Zeit erworben wird und eben nicht angeboren ist, zu gewinnen. Erst langsam entwickelt das Kind die Fähigkeit, die Abwesenheit der Eltern innerseelisch zu verkraften, indem es sich an sie erinnern und an sie denken kann.

Umgebungswechsel und Trennungen von Mutter und Vater in den ersten Lebensjahren erfordern zum Wohle aller Beteiligten behutsame Übergänge, damit das Kind mit der neuen Umgebung und der neuen Betreuungsperson ohne Verlustangst vertraut werden und sich langsam anpassen kann. Ein auch für das Kind fühlbar gutes Verhältnis zwischen Eltern und Betreuer oder Betreuerin hilft ihm, sich angstfrei der neuen Situation als Erweiterung der Familie anzuvertrauen. Plötzliche oder zu lange Trennungen von den Eltern bedeuten in der frühen Kindheit einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit, auch weil Sprach- und Zeitverständnis des Kindes noch nicht weit genug entwickelt sind, um Verwirrung oder Angst mit Erklärungen zu mildern. Eine Trennung von den Eltern, die nicht durch ausreichend lange Übergangs- und Eingewöhnungsphasen vorbereitet wird, kann vom Kind als innerseelische Katastrophe erlebt werden, die seine Bewältigungsmöglichkeiten überfordert. An der kindlichen Reaktion auf die Trennung – zum Beispiel verzweifeltes Weinen, anhaltendes Schreien oder später auch resigniertes Verstummen, Schlaf- und Ernährungsstörungen – kann man eine seelische Überforderung erkennen, die dann besondere Zuwendung und Verständnis braucht, um nicht zu einer innerseelischen Katastrophe zu werden. „Pflegeleichte“ Kinder, die gegen die Trennung nicht protestieren, brauchen besondere Aufmerksamkeit, weil ihre seelische Belastung manchmal nicht erkannt wird.

In der Regel passen sich Kinder nach einer Weile an neue Situationen an und akzeptieren das neue Beziehungsangebot. Auch wenn die Betreuerin nur eine “Übergangs-Mutter” ist, die sich deshalb nicht stärker binden möchte, weil sie den kommenden Abschied voraussieht: das Kind bindet sich immer, weil es Bindung braucht, um seelisch zu wachsen. Jeder Krippenwechsel oder Wechsel einer Tagesmutter bedeutet für das Kind eine erneute Erfahrung von Bindungsverlust. Es gibt keine psychische Gewöhnung an Verlust: Kommt er unvorbereitet und kann er nicht innerhalb einer vertrauten Beziehung verdaut werden, sind Verleugnung und Anästhesierung der Gefühle die Folge, häufig begleitet von der „Körpersprache“ psychosomatischer Symptome. Der meist unausweichliche Verlust der Ersatzperson ist dann besonders schwerwiegend, wenn das Kind in seiner Trauer um sie von den Eltern kaum bestätigt und gestützt wird.

Es ist Forschungs- und Erfahrungswissen (und keine Ideologie), dass für die Entwicklung des kindlichen Sicherheitsgefühls, für die Entfaltung seiner Persönlichkeit und für die seelische Gesundheit eine verlässliche Beziehung zu den Eltern am förderlichsten ist. Gerade in den ersten drei Lebensjahren ist die emotionale und zeitliche Verfügbarkeit von Mutter und Vater dafür von großer Bedeutung.

Das Kind entwickelt nicht nur seine Beziehung zur Mutter, sondern in der Regel auch eine gleichermaßen enge, aber andere Bindung an seinen Vater. Es erlebt sich selbst in der Beziehung zum Vater oder zu seinen Geschwistern anders und erfährt, dass Fürsorglichkeit und Bindungsangebote unterschiedlich ausfallen können. Es erlebt die Eltern als Paar, so dass es sich als Teil eines Beziehungsdreiecks wahrnimmt und mit der Qualität der elterlichen Beziehung identifiziert. Durch ausreichend regelmäßige Wiederholungen dieser Erfahrung von „verlässlicher Flexibilität“ lernt das Kind Veränderungen zu tolerieren und auch die unvermeidlichen Ausschluss-Erfahrungen und Kränkungen im Sinne eines altersgemäßen Entwicklungsanreizes zu verarbeiten – all dies stabilisiert seine psychische Weiterentwicklung, festigt die grundlegenden Erfahrungsstrukturen und fördert seine Fähigkeiten, neue Beziehungen einzugehen. Ein Kind mit sicheren Bindungen innerhalb seiner Familie wird den behutsamen Schritt in eine zusätzliche Betreuung außerhalb der Familie als Bereicherung seiner Erfahrungswelt erleben.

Wenn die außerfamiliäre Betreuung – sei es Krippe oder Tagesmutter – vom Kind als Teil der „familiären Einheit“ erfahren wird, kann sie seine Entwicklung bereichern und bei der Aufgabe, sich später von den Eltern abzulösen, eine Hilfe sein. Wenn die Familie wegen Krankheit, seelischer oder materieller Not dem Kind nicht die nötige Verlässlichkeit bietet und Vernachlässigung oder Misshandlung drohen, wird das Kind von der Betreuung außerhalb der Familie dann profitieren, wenn es dort ausreichend Gelegenheit findet, gute und dauerhafte Beziehungen zu entwickeln. Alle Eltern, besonders aber Eltern, die sich zuhause mit ihren Kindern überfordert und isoliert fühlen, brauchen Unterstützung, gesellschaftliche Anerkennung und öffentliche Angebote für das Leben mit Kindern.

In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass es entwicklungspsychologisch einen bedeutsamen Unterschied macht, ob ein Kind mit einem Jahr, mit anderthalb oder zwei Jahren in außerfamiliäre Betreuung kommt und wie viele Stunden täglich sie in Anspruch genommen wird. Je länger die tägliche Betreuung getrennt von den Eltern andauert, umso höhere Werte des Stresshormons Cortisol sind zum Beispiel im kindlichen Organismus nachweisbar. Dies erklärt den Zusammenhang zwischen langer, also ganztägiger Dauer der außerfamiliären Betreuung und späterem aggressivem Verhalten in der Schule, der in Längsschnittstudien gefunden wurde. Weitere entscheidende Faktoren für die Qualität der Krippenbetreuung sind die Gruppengröße und die Personalfluktuation. Zu große Gruppen oder häufige Personalwechsel machen es dem Kind unmöglich, sichere Bindungen einzugehen; sie können sozialen Rückzug bewirken oder im Verlauf seiner Entwicklung zu innerer Unruhe, Aufmerksamkeitsstörungen und Konzentrationsdefiziten führen.

Allgemein gilt:

  • Je jünger das Kind,
  • je geringer sein Sprach- und Zeitverständnis,
  • je kürzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung der Eltern,
  • je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe,
  • je größer die Krippengruppe,
  • je wechselhafter die Betreuungen,

umso ernsthafter ist die mögliche Gefährdung seiner psychischen Gesundheit.

Das Tagesmuttermodell, das wegen der erhofften individuelleren Betreuung oder seiner familiennäheren Form oft als bessere Alternative zur Krippe angesehen wird, erscheint – im Gegenteil – besonders konfliktreich: Ein Tagesmutterwechsel in den ersten Lebensjahren findet viel öfter statt als bei der Einführung des Modells angenommen. Häufig auftretende Spannungen zwischen Mutter und Tagesmutter zeigen die große Störanfälligkeit dieser Betreuungsform. Die Vorbereitung auf die psychologisch und pädagogisch schwierige Aufgabe einer Ersatzbetreuung ist bisher meist unzureichend. „Tagesmutter“ wird, wie auch „Erzieherin“ und „Frühpädagogin“, ein Berufsbild der Zukunft sein, und seine notwendige Professionalisierung mit guter Ausbildung und berufsbegleitender Supervision sollte widerspiegeln, dass die Kleinsten den größten Einsatz brauchen.

Analog zur „Schulreife“ sollte die „Krippenreife“ für jedes Kind individuell beurteilt werden, um Traumatisierungen zu verhindern. Auch für Eltern ist es oft schmerzhaft und konfliktreich, sich in den frühen Entwicklungsjahren von ihrem Kind trennen zu müssen, und sie machen sich viele Gedanken, wenn sie es in „fremde Hände“ geben. Sie kennen ihr Kind am besten und erfassen wegen ihrer einzigartigen seelischen Verbindung zu ihm seine „Krippenreife“ intuitiv. Politische Forderungen nach möglichst früher Rückkehr der Mütter an den Arbeitsplatz verunsichern intuitives Wissen und schüren eine unnötige ideologische Konkurrenz um ein „richtiges“ Frauenbild. Stattdessen brauchen wir staatlich geförderte entwicklungspsychologische Forschungen und Langzeitstudien, die den geplanten Ausbau der Tagespflegeplätze und die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz für die unter Dreijährigen aufmerksam begleiten, um Fehlentwicklungen vorzubeugen und Neuorientierungen zu evaluieren.

Die Gestaltung von Bindungen und die Bewältigung von Trennungen sind lebenslang die schwierigsten seelischen Aufgaben des Menschen. Sie erfordern gerade am Lebensbeginn von allen verantwortlich Beteiligten hohe Sensibilität und ein Wissen um die Verletzlichkeit der frühen Entwicklung.

Berlin, 12. Dezember 2007

Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV).
Kommission Öffentlichkeit und interdisziplinärer Dialog
(Leitung: Dr. phil. Franziska Henningsen, Dipl.-Psych.)
Geschäftsstelle der DPV: Körnerstr, 11, 10785 Berlin,

E-Mail
 

Quelle

Erstabdruck in der Zeitschrift Psyche, Heft 2/2008, 234 Seiten, Klett-Cotta Verlag Stuttgart

(Darin: weitere Beiträge u. a. zur Trennungsaufgabe und Verlusterfahrung bei außerfamiliärer frühkindlicher Betreuung sowie zu mütterlicher Berufstätigkeit und kindlicher Entwicklung)

Bezug

Erstellt am 8. August 2008, zuletzt geändert am 3. März 2010