Das erste Lebensjahr – ein Eltern-Kind-Kurs in Orientierung an Emmi Pikler

Astrid Gilles-Bacciu und Reinhild Heuer
Astrid-gilles-bHeuer

 

"Jeder Schritt, den das Kind selbständig macht, erleichtert den nächsten.“ Emmi Pikler

Das Kurskonzept

Das erste Lebensjahr basiert auf der Pädagogik der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler (1902-1984). Zeit lassen, Raum für Bewegung und Spiel geben, im Dialog miteinander sein – dies sind die Schlüsselaussagen dieses Ansatzes. Emmi Piklers Grundsatz, den Säugling als Person zu achten und seinen Mitteilungen und Initiativen zu vertrauen, begründete einen Haltungswechsel in der Frühpädagogik, der bis heute hilfreich und fruchtbar ist.

Für den Kurs

Das erste Lebensjahr wird der pädagogische Ansatz Emmi Piklers in den Praxiskontext eines Eltern-Kind-Kurses übersetzt: Eltern lernen und erfahren viel über einen friedlichen Umgang mit Babys und Kleinkindern nach den Prinzipien der Pikler-Pädagogik und erleben ihn im Kurs selbst mit ihren Kindern. Eine entwicklungsgerecht gestaltete Spielumgebung erlaubt den Kindern im Kurs frei und ungestört aktiv zu sein. Elternbildung und Kleinkindpädagogik werden hier miteinander verbunden und machen die Kursleitung zur einer gleichsam doppelten pädagogischen Aufgabe.

Eltern-Kind-Kurse

Das erste Lebensjahr werden von Facheinrichtungen der Erwachsenen- und Familienbildung geboten. Eine Fortbildung zur Eltern-Kind-Kursleiterin nach dem Konzept Das erste Lebensjahr wird in einer Kooperation des Bildungswerks der Erzdiözese Köln e.V. und der Pikler Gesellschaft Berlin e.V. durchgeführt.
Ein Kurs für Eltern mit ihren Babys

Das erste Lebensjahr

ist der Titel eines Kurses, in den Eltern, Mütter und Väter, gemeinsam mit ihren Babys kommen. Bisweilen nehmen statt der Eltern auch die Tagespflegeperson oder die Großmutter des Kindes teil. Der Kurs wird wöchentlich für 1 ½ oder mehr Stunden an 10 bis 15 Vor- oder Nachmittagen mit einer ausgebildeten Kursleiterin durchgeführt.

Kursorte

sind Familienbildungsstätten und Familienzentren, Räume von Kirchengemeinden und sozialen Einrichtungen. Veranstalter sind hauptsächlich die Einrichtungen der katholischen Erwachsenen- und Familienbildung im Erzbistum Köln, die in Nordrhein- Westfalen staatlich anerkannte Einrichtungen der Weiterbildung und freie Träger der Jugendhilfe sind. Die Kurse werden finanziert über Teilnahmegebühren und Eigenmittel des kirchlichen Trägers. In geringem Umfang kommen Landesmittel nach dem Weiterbildungsgesetz und an manchen Orten freiwillige kommunale Zuschüsse hinzu.

Eine Eltern-Kind-Kurseinheit

Das erste Lebensjahr hat folgende Elemente, die die Kursleiterin je nach Gruppe, Situation und Zeitpunkt des Treffens variiert:

Für die Eltern gibt es eine Zeit für Information, Anregung und Erfahrungsaustausch: über die Entwicklungsschritte des Kindes und seine Bedürfnisse in den ersten Lebensjahren, ebenso über die veränderte Situation im Leben der Eltern, in der Familie. Auch das Kulturgut der frühen Kindheit, erste (Wiegen)Lieder, Verse, Fingerspiele, gehören zum Kursprogramm. In einer musischen Phase zum Abschluss der Kursstunde singen die Erwachsenen, während die Kinder je nach Wunsch zuschauen, mitmachen oder weiter spielen. Die Anzahl der Lieder ist dem Entwicklungsstand der Kinder entsprechend begrenzt.

Für die Babys gibt es eine altersgerecht vorbereitete Spielumgebung in Sicht- und Hörweite der Eltern. Dabei kommen Spiel- und Bewegungsmaterialien in der Pikler-Tradition zum Einsatz. In der sicheren Nähe der Eltern werden die Kinder aus eigener Initiative aktiv. Das Spielmaterial lädt zum Erkunden und zum Hantieren ein. Mit den anderen Kindern werden erste Kontakte aufgenommen. Spezielle Bewegungs- und Spielvorschläge durch die Kursleitung oder die Eltern erübrigen sich. Sie würden die Kinder von ihren eigenen Spielhandlungen ablenken und den individuellen Rhythmus von Tun und Pausieren stören.

Die Eltern und ihre Kinder haben im Kurs immer wieder ruhige Zeiten der Nähe: wenn die Jacken ausgezogen werden, wenn sich Mutter und Kind nach einer Woche Zwischenzeit wieder vertraut machen mit dem Raum, den anderen Müttern und Kindern, mit der Spielumgebung. Auch das Wickeln, Stillen oder Füttern während des Kurses sind ruhige Zeiten des Mutter-Kind-Kontaktes. Während der Kurszeit gibt es das kurze „Auftanken“ bei der Mutter oder dem Vater, das die Kinder je nach Temperament und sozialer Erfahrung ab und zu während ihres Spiels suchen.

Der Kurs Das zweite und dritte Lebensjahr führt das Kurskonzept für das Kleinkindalter fort. Er bietet den mobileren Ein- bis Zweijährigen eine nun auf ihre Spiel- und Bewegungsbedürfnisse zugeschnittene Raumausstattung. Die Auswahl der musischen Aktivitäten ist jetzt dem Kleinkindalter angepasst. Manche Kinder wollen schon aktiv dabei sein und mitsingen. In den Themen des Elterngesprächs finden sich die nun aktuellen Fragen rund um das zweite und dritte Lebensjahr und die entsprechenden Familienthemen.

Das Kind ist eine Person - Orientierung an der Pädagogik der Kinderärztin Dr. Emmi Pikler

Der Name der ungarischen Kinderärztin (1902–1984) steht für einen Ansatz der Kindererziehung, der das Kind und seine Initiativen und Mitteilungen in der frühesten Entwicklungszeit wahrnimmt und achtet. Pikler hat damit einen Haltungswechsel in der Frühpädagogik angestoßen. Die jüdische Ärztin formulierte Grundprinzipien und Handlungsempfehlungen für ein gesundes Aufwachsen von Kleinkindern ausgehend von ihrer Arbeit als Kinderärztin, die Familien zu Hause behandelte und beriet, und später als Leiterin des von ihr gegründeten Säuglingsheims für elternlose Kinder. Pikler konnte in diesem Heim zeigen, dass mit ihrem pädagogischen Ansatz selbst bei mutterloser Erziehung die Kinder gut gediehen und das als unvermeidbar eingeschätzte Hospitalismusphänomen nicht eintrat. Dieser Ort, das „Lóczy“, steht für Humanität im Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern.

Wie ihre Kollegen Maria Montessori (1870-1952), Janusz Korczak (1878-1942) und Francoise Dolto (1908-1988) entwickelte Emmi Pikler ihre Pädagogik aus ihrer praktischen Arbeit mit Kindern heraus. Der tägliche Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern führte Pikler zu Reflexionen und Studien. Ihre theoretische und praktische Arbeit konnten sich wechselseitig immer wieder überprüfen und weiterentwickeln.

Die Haltung zum Kind wurde für Pikler zur Grundlage ihrer pädagogischen Empfehlungen. Pikler war davon überzeugt, dass eine entwicklungsfördernde Erziehung an die Entscheidung des Erwachsenen gebunden ist, im Kind von Beginn seines Lebens an eine Person mit eigener Würde zu sehen und seinem Entwicklungswillen zu vertrauen.

Diese Auffassung hat große Auswirkungen auf das alltägliche sorgende Handeln der Eltern oder der pädagogischen Fachkräfte:

  • Die Pflege geschieht als behutsame körperliche Versorgung und aufmerksame Verständigung mit dem Kind.
  • Die Zeiten der Pflege sind intensive Begegnungszeiten am Tag. Der Erwachsene bezieht das Kind in die Pflegehandlung ein.
  • Schon das Neugeborene teilt seine Empfindungen durch Mimik, Gestik und Körpersprache mit. Der Erwachsene antwortet darauf.
  • Er spricht das Kind an und kleidet seine Handlungen in Worte. Er kündigt an, was er tun wird. Aufmerksam achtet er darauf, wie das Kind darauf eingeht und seine Antwort und seinen Wunsch nach Mitwirkung zeigt. Ein Dialog entsteht.

Die Babys und Kleinkinder haben bei der Entwicklung ihrer Bewegung die Möglichkeit, ganz aus eigenem Antrieb und nach eigenem Zeitmaß ihre Fähigkeiten zu entfalten. Der Erwachsene schafft dafür gute Bedingungen und verzichtet darauf, diesen vom Kind selbstständig vollzogenen Prozess durch Hilfsmittel und Eingriffe zu lenken und zu beschleunigen.
Die Umgebung für das Spiel ist so vorbreitet, dass Kinder ungestört aktiv sein können und von Anfang an ihr Spiel wählen und dabei selbstbestimmt Kontakte zu anderen Kindern aufnehmen können. Dafür sind ein geschützter Rahmen, aufmerksame Bezugspersonen und eine dem Entwicklungsstand entsprechende Ausstattung mit Spielmaterialien nötig.

Emmi Pikler hat in umfassender empirischer Forschungsarbeit die Bedeutung dieser Entwicklungsbedingungen aufzeigen können, die heute Fachleute aus Kleinkindforschung und -therapie[1] und pädagogischer Praxis bestätigen. Piklers zahlreiche Publikationen wurden und werden international rezipiert, ohne dass es aber bisher zu einer systematischen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Pikler-Pädagogik gekommen wäre.

Das ehemalige Kinderheim Lóczy in Budapest bietet heute eine Kinderkrippe und Eltern-Kind-Gruppen an. Die internationale Pikler-Lóczy Gesellschaft für Kleinkinder[2] ist der Träger und weltweit anerkannt als einzigartige Einrichtung der Betreuung von Kleinstkindern sowie der Forschung und Lehre für das Kleinkindalter. Hier wird die pädagogische Arbeit Emmi Piklers fortgesetzt und von einem Team von Fachleuten mit der Psychologin Anna Tardos, der Tochter Emmi Piklers, weiterentwickelt. Piklers besonderer Ansatz der Kleinkinderziehung kann nach wie vor im Rahmen von Hospitationen und Weiterbildungen beobachtet und studiert werden. Pikler-Gesellschaften in zahlreichen Ländern und auf Europa-Ebene bieten darüber hinaus Publikationen und Weiterbildungen für verschiedene Berufsgruppen an, insbesondere die Weiterbildung zum/r Pikler-Pädagogen/in.[3]

Gegenwärtig findet die Pädagogik Emmi Piklers neue Beachtung in den frühpädagogischen Konzepten und Aus- und Fortbildungscurricula für pädagogische Fachkräfte in Krippen, Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege, die im Zuge des Ausbaus der Betreuung von Kindern unter drei Jahren entwickelt werden.

Die zahlreichen Filme des Pikler-Instituts gehören zum Repertoire der meisten frühpädagogischen Ausbildungen und tragen zur Popularität der Pikler-Pädagogik bei. Sie zeigen in Alltagssituationen des Spiels, des Kontaktes unter Kindern und der Pflege eindrücklich, wie Kinder selbstbestimmt aktiv sind. Es ist anschaulich, dass der Umgang mit Kindern in der institutionellen Betreuung und in der Familie respektvoll und entspannt sein kann, wenn man sich an den Pikler-Empfehlungen orientiert. Pikler legte größten Wert auf Beobachtung und Aufzeichnung der kindlichen Entwicklung (zunächst in Skizzen, später mit Fotos und Filmsequenzen). Viele Fotos von Marian Reisman aus den ersten Jahren sind noch heute durch ihren Erkenntniswert und ihre große ästhetische Kraft im Einsatz. Der französische Autor und Filmregisseur Bernard Martino brachte mit seinem Film für den Sender ARTE „Lóczy – wo kleine Menschen groß werden. Der Traum Emmi Piklers“ (2000) die Pikler-Arbeit in die breitere Öffentlichkeit.

Zeit lassen, Raum geben, vertraut werden... - Grundwissen für Eltern von Babys und Kleinkindern

Informationen, Tipps und Rat zur ersten Lebenszeit mit Kind sind bei Eltern gefragt. Bücher, Zeitschriften und das Internet bieten eine Fülle von Hinweisen verschiedenster Herkunft an. Aber vor allem Mütter schätzen auch die Gelegenheiten für Kontakt, Gespräch und Erfahrungsaustausch, zu dem sie mit ihrem Baby kommen können.

Mittlerweile gibt es ein großes Kursangebot für Eltern mit Babys. Es gibt verschiedenste Eltern-Kind-Kurse und -initiativen zur Förderung nachgeburtlicher Rückbildung und Fitness sowie zur Förderung frühkindlicher Entwicklung und Eltern-Kind-Bindung. Sie alle werben um die Teilnahme der jungen Eltern. Zahlreiche Eltern wollen schon früh ´viel´ mit dem Kind für seine Entwicklung unternehmen, weil sie die Sorge haben, etwas Wichtiges für ihr Kind zu versäumen. So locken besonders die vielen Aktivierungsprogramme mit Babys und Kleinkindern. Anbieter auf dem neuen Kursmarkt sind einerseits die anerkannten Bildungsinstitutionen wie Familienbildungsstätten und Volkshochschulen; andererseits laden auch Krippen, Kitas, Familienzentren, soziale Einrichtungen und Krankenhäuser zu Eltern-Kind-Kursen und -treffpunkten ein. Vermehrt sind privatgewerbliche Anbieter auf dem Eltern-Kind-Markt zu finden. Es gibt auch Kursprogramme und Medien aus universitären Kontexten, die Bildungsmaßnahmen für Eltern auf der Basis spezieller Forschungsansätze heraus entwickelt haben.

Für Eltern – selbst für Fachleute – ist die Fülle von teilweise widersprüchlichen Ansätzen zu frühkindlicher Förderung nicht selten verwirrend. Was braucht das Kind davon wirklich? Was ist im Alltag tatsächlich kindgerecht und förderlich? Wann beginnt eine Überforderung? Welche Maßnahmen sind unnötig und dienen eher der Verbreitung eines Kursprogramms als dem Kind? Was macht eine gute Kindheit in der Familie aus? Wie lässt sich friedlich leben mit Babys und Kleinkindern?

In dieser Situation erhält die Pikler-Pädagogik mit ihrem umfassenden Blick auf Leben und Entwicklung des Säuglings und Kleinkindes und ihren alltagserprobten Empfehlungen eine besondere Bedeutung. Sie bringt Klärung und Entlastung zugleich – sowohl für die hochmotivierten, informierten Eltern als auch für wenig informierte Eltern, die ihr Kind in schwierigen Verhältnissen zur Welt gebracht haben und erziehen müssen.

Piklers Mahnung, dass Ehrgeiz und Eile nicht die geeigneten Methoden seien, ein Kind aufwachsen zu lassen, ist auch heute noch aktuell: ein wichtiger Einspruch zu dem modernen Gebot der optimalen (Früh)Förderung des Kindes. Pikler zeigte, wie gut es Säuglingen und Kleinkindern tut, wenn sie die Zeit und die Freiheit haben, nach eigenem Wunsch und Zeitmaß die wachsenden Körperkräfte und die umgebende Welt zu entdecken. Sie können in der Regel ohne die Übungs- und Förderprogramme der Erwachsenen ihre Bewegungsfähigkeit, Neugier und Kooperationsbereitschaft entwickeln.

Eine solche Erziehungshaltung verpflichtet die Eltern zu Zurückhaltung und Verzicht. Sie müssen ihren spontanen Wunsch zügeln, dem Kind bei seinem Wachsen zu ´helfen´, seine Entwicklungsschritte zu beschleunigen, es zu faszinieren und nach eigenen Wünschen zu lenken. Sie können durch diese wohlgemeinten Eingriffe schon einem kleinen Kind die Freude nehmen, etwas aus eigener Kraft zu schaffen – die Grundlage für wachsendes Selbstbewusstsein.

Eltern sind gleichwohl aktiv gefordert. Ihre liebevolle Aufmerksamkeit und Zuwendung im Kontakt mit dem Kind ist vor allem in den Pflegesituationen nötig. Bedeutsam sind ebenso die aufrichtige Anteilnahme und das Interesse an den kindlichen Aktivitäten. Es liegt in der Verantwortung des Erwachsenen, in der Familie für einen kindgemäßen Tagesrhythmus und eine anregungsreiche häusliche Umgebung zu sorgen, die Lust auf Eigentätigkeit macht. Eine solche Erziehung im Kleinkindalter wird aller Erfahrung nach den Kindern gerecht, weil sie offensichtlich zufrieden und mit Freude selbstständig aktiv sind. Das Miteinander in der Familie kann entspannter werden.

Elternbildung in Kürze – das didaktische Experiment des Eltern-Kind-Kurses

Elternabende galten lange als der richtige Ort für die Elternbildung eines Eltern-Kind-Kurses. Doch viele Eltern sind gerade im ersten Lebensjahr des Kindes abends erschöpft oder haben keine Kinderbetreuung. Die Kurstreffen selbst müssen also die Bildungsmöglichkeiten bereithalten. Daher verbinden die Kurse Das erste Lebensjahr und Das zweite und dritte Lebensjahr in Orientierung an Emmi Pikler eine für Babys und Kleinkinder geeignete Spielsituation und ein Bildungsangebot für Eltern.

Damit ist eine didaktische Herausforderung gegeben: Die Elternaktivitäten müssen in einem Raum mit den Bedürfnissen der anwesenden Kinder in Einklang gebracht werden. Die thematischen Gespräche oder Aktivitäten können nur während der Zeit des konzentrierten Kinderspiels stattfinden. Diese „Rücksicht“ hat Auswirkungen auf die Dauer und Störbarkeit der Elternaktivitäten, auf die Wahl von Themen, Methoden und Moderationsweise. Elternbildung im Kurs ist Bildung in Kürze – auch wenn die Kurssituation insgesamt für Eltern eine Fülle von informellen Lernmöglichkeiten enthält.

Die Kursleitung lässt sich für die zehn- bis dreißigminütigen Gruppengespräche von dem ausgearbeiteten Themenkanon Das erste, zweite, dritte Lebensjahr leiten und passt die Themenwahl den Fragen und Wünschen der Eltern und der Kurs- bzw. Gruppensituation an.[4] Es geht um die Basisthemen der Pikler-Pädagogik in einem erweiterten Kontext: Das Kind als Person, die Verantwortung des Erwachsenen, Entwicklung und Erziehung in den ersten Lebensjahren, Fragen zu Elternsein, Familie und außerfamiliärer Betreuung, zu Kultur und Spiritualität. Es geht um das, was ein Säugling zum Wachsen braucht, aber ebenso, was Eltern und Familie zum Wohlergehen brauchen.

Vor den Gesprächen gibt es eine längere Phase, in der die Kinder in ihr Spiel kommen. Sie brauchen Zeit, sich im Raum und in der Gruppe zu „beheimaten“, ein Spielzeug, das sie interessiert, zu finden, eine Bewegungsweise zu probieren, zu entdecken, was sie tun wollen. Die Eltern können sich dabei zurücklehnen und den Aktivitäten der Kinder entspannt zuschauen. Sie können anschaulich erleben, wie die Kinder auf individuelle Weise aktiv werden, wenn sie sich sicher fühlen. Sie können beobachten, wie früh Kinder eigenen Handlungsplänen folgen und wie oft man als Mutter oder Vater geneigt ist, die Initiativen der Kinder zu unterbrechen. Eltern lernen (wieder) das Verweilen kennen, die Freude, die aus der Wahrnehmung der Lebendigkeit des Kindes kommt. Im späteren Gespräch kann die Kursleiterin verallgemeinernd die Entwicklungsschritte, Spielhandlungen, Bewegungsformen und geeigneten Materialien zum Thema machen. 

Der doppelte pädagogische Blick

Ein Eltern-Kind-Kurs ist eine künstlich arrangierte soziale Situation: Einander fremde Kinder und Erwachsene sind zusammen mit einer Kursleiterin für begrenzte Zeit in einem Raum – außerhalb der vertrauten Familienumgebung. Die Gestaltungsregeln für eine solche Situation sind immer wieder zu überprüfen. Was bedeuten sie für das kleine Kind, was für seine Eltern? Was ist zumutbar für einen Säugling, der plötzlich viele Menschen um sich herum hat? Was fördern und was behindern die räumlichen Vorgaben, die inhaltlichen und methodischen Entscheidungen?

Pädagogische Reflexivität gehört zu den wichtigsten Kompetenzen der Eltern-Kind-Kursleitung. Die Kursleiterin ist auf zwei Handlungsebenen zugleich präsent und verbindet dadurch die üblicherweise getrennten pädagogischen Situationen der Erwachsenenbildung und der frühkindlichen Betreuung. Erwachsenenpädagogische und kleinkindpädagogische Maßstäbe müssen nun miteinander vermittelt werden. Kursraum, Zeiten, Mobiliar, Material, Inhalte, Ablauf, Sprache müssen auf den gemeinsamen Aufenthalt von Kindern und Erwachsenen ausgerichtet sein.

Mehr Aufwand und Aufmerksamkeit verlangt die „doppelte Pädagogik“ im Eltern-Kind-Kurs. Damit hat eine Eltern-Kind-Kursleiterin gleichsam erschwerte Arbeitsbedingungen im Vergleich zu einer frühpädagogischen Fachkraft, die für die Kinder da ist, oder zum/r Erwachsenenbildner/-in, der/die Erwachsene vor sich hat. Aus der gewohnten Sicht der Erwachsenenbildung kann die Elternbildung im Eltern-Kind-Kurs als zu kurzfristig, störungsreich, eingeschränkt steuerbar und schwer überprüfbar eingeschätzt werden. Die Anwesenheit der Kinder verrückt den Maßstab. Aber auf diese ungewöhnliche Weise kann frühe Elternbildung tatsächlich realisiert werden, können Fragen der ersten Lebenszeit mit Kind, wie sie die Pikler-Pädagogik anspricht, sachlich und kommunikativ thematisiert werden. Soziale Kontakte unter den Eltern entstehen dabei „wie von selbst“.

Auch die Frühpädagogik kennt die Anwesenheit der Eltern üblicherweise nur für Sondersituationen wie die Eingewöhnungszeit. Elternaufenthalt wird gewöhnlich eher als hinderlich für ein störungsfreies Spiel der Kinder angesehen. Mit der Kurskonzeption Das erste Lebensjahr zeigt sich, dass frühe Förderung auch in einer Eltern-Kind-Situation möglich ist. Eltern erleben beispielsweise, wie Kinder in einer Spielumgebung ohne stimulierende Programme aktiv sind, und werden angeregt, für ebenso gute Spielmöglichkeiten zu Hause zu sorgen. Auf diese Weise kann frühkindliche Förderung nach den Prinzipien der Pikler-Pädagogik in den familiären Bereich übertragen werden.

Es gibt keinen Nachweis, dass diese Konzeption der Eltern-Kind-Kurse das Leben mit Kindern problemfrei und risikolos machen könnte. Wohl aber können im Urteil der Eltern die Eltern-Kind-Kurse, insbesondere die in Orientierung an Pikler, zu einer Intensivierung des Lebens mit Kindern beitragen, zu tieferem Verstehen, Gelassenheit und Freude.

Spielzeug, Kinder und die Mama in der Nähe …  - Eltern-Kind-Kurse im Übergangsraum zwischen Familie und außerfamiliärer Erziehung

Für die erste Lebenszeit ist das zuverlässige Zusammensein von Eltern und Kind die wichtigste Voraussetzung für Gedeihen und Wohlgefühl. Das macht eine außerfamiliäre Betreuung für Kinder unter drei Jahren zu einer risikoreichen Situation. Vor allem der Übergang von der Intimität einer Kleinstfamilie in eine Gruppensituation mit vielen Kindern ist eine Herausforderung. Eltern-Kind-Kurse leisten hier für die Babys und Kleinkinder eine erste behutsame Gewöhnung an eine Gruppensituation mit Kindern und Erwachsenen durch die Sicherheit, die vertraute Bezugsperson in der Nähe zu haben. Viele Probleme der frühen Trennung von Eltern und Kindern können durch die Eltern-Kind-Kurskonstellation gemindert werden. Die Gründung der Eltern-Kind-Häuser Maisons Vertes in Frankreich hat einen vergleichbaren Hintergrund.[5]

Die Eltern-Kind-Kurse in Orientierung an Emmi Pikler achten dabei in besonderer Weise darauf, dass jedes Kind seine eigene Zeit bekommt, in der Gruppe sicher zu werden. Kleinkinder unterscheiden sich darin, wann und wie sie sich von der Mutter entfernen, um sich einem Spielzeug zu nähern und sich ins Spiel zu vertiefen, um Kontakt mit einem anderen Kind aufzunehmen oder Bewegungen auszuprobieren. Jedes andere Eltern-Kind-Kurskonzept, das eine bestimmte Folge von Spielaktivitäten für die Babys und Kleinkinder vorsieht oder Kinder zu Spielen oder Bewegungsformen animiert, würde diesen wichtigen Vorgang des selbstständigen Lernens einschränken.

Das Arrangement des Eltern-Kind-Kurses ist geeignet, ein Zusammensein von Eltern und Kleinstkindern über die Privatheit der Familien hinaus herzustellen. Eltern-Kind-Kurse und Eltern-Kind-Treffpunkte bilden einen – ansonsten nicht vorhandenen – familiennahen öffentlichen Raum, an dem Eltern mit ihren kleinen Kindern willkommen sind und der nach den Bedürfnissen der Kinder gestaltet ist. Es ist ein Raum zwischen der Kleinfamilie und den Institutionen für Kinder und den Berufswelten der Erwachsenen. Für eine Zeit in der Woche fügt der Eltern-Kind-Kurs die weit auseinander organisierten Welten der Kinder und der Erwachsenen wieder zusammen. Dieser Raum ist zugleich Begegnungsraum, Spielraum und Bildungsraum. Die Orientierung an der Pikler-Pädagogik trägt dazu bei, dass er ein besonderer Wohlfühlraum der frühen Kindheit ist.

[1] Vgl. Remo H. Largo (2013): Babyjahre. München: Piper.

[2] Vgl. www.pikler.hu

[3] Pikler Gesellschaft Berlin e.V.; Pikler-Hengstenberg Gesellschaft 

[4] Vgl. Bildungswerk der Erzdiözese Köln (Hg.) (2014): Fortbildung Eltern-Kind-Kursleiter/-in Das erste, zweite, dritte Lebensjahr in Orientierung an Emmi Pikler. Arbeitsheft zur Eltern-Kind-Kursdidaktik. Köln (i. Vorb.)

[5] Vgl. Francoise Dolto (1993): Mein Leben auf der Seite der Kinder. Ein Plädoyer für eine kindgerechte Welt. Leipzig: Bastei Lübbe (dt. Erstveröffentlichung 1989) und aktuell: www.maisonsvertes.fr

Autorinnen

Astrid Gilles-Bacciu, Dipl. Päd., Referat Erwachsenen- und Familienbildung, Abteilung Bildung und Dialog, Erzbischöfliches Generalvikariat Köln

Reinhild Heuer, Dipl. Soz. Päd., Pikler-Pädagogin, Leiterin der katholischen Familienbildungsstätte Haus der Familie, Euskirchen

Website

Erstellt am 20. Juni 2014, zuletzt geändert am 24. Juni 2014