Elementare religiöse Unterweisung in Eltern-Kind-Gruppen

Michael Schnabel
Mschnabel

 

1. Ist Verkündigung noch zeitgemäß?

“Unsere Räume des Pfarrzentrums übervölkern geradezu Eltern und Kinder aus den vielen Eltern-Kind-Gruppen – aber sie gehen alle an der Kirche vorbei. Noch nie habe ich am Sonntag jemanden aus den Gruppen im Gottesdienst gesehen,” beklagt sich ein Stadtpfarrer.
Auf der anderen Seite beschweren sich immer wieder junge Mütter und Väter: “Was die Pfarrer sagen, geht über unsere Köpfe hinweg. Wer soll das verstehen, was da oft herumtheoretisiert wird? Das hat ja alles nichts mit dem Leben zu tun. Das bringt mir nichts.”
Diese Äußerungen zeigen: Verkündigung ist oft nicht mehr zeitgemäß. Sie spricht kaum Fragen und Anliegen der Menschen heute an. Es ist anscheinend schwierig geworden, religiöse Themen so mit Eltern zu diskutieren, dass sie ihre Lebenswelt und ihr Orientierungsbedürfnis treffen.

Dazu bieten Eltern-Kind-Gruppen einmalige Chancen: Auf der einen Seite erleben die Eltern mit ihren Kindern, wie religiöse Aktionen vollzogen werden. Und im Elterngespräch können religiöse Themen konkret und zeitgemäß diskutiert werden. Eltern-Kind-Gruppen sind somit ein Trainingslager, in dem konkrete religiöse Formen in der Gruppe praktiziert werden und folglich religiöse Erziehung eingeübt und im Elterngespräch reflektiert wird. Eltern-Kind-Gruppen sind auch eine Lehr- und Lernwerkstatt des Redens über Glauben. Gerade im Elterngespräch werden Fragen des Glaubens konkret und individuell beraten. Dabei stellen die Teilnehmer/innen ihre sehr persönlichen Glaubensüberzeugungen und Vorstellungsbilder vom Glauben vor.

Ein Einblick in das Bildungsgeschehen der Eltern-Kind-Gruppen kann die angesprochene Konkretisierung von Verkündigung weiterhin verdeutlichen.

2. Bildungsprozesse in Eltern-Kind-Gruppen

Weintrauben, Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kiwis schmecken, ertasten und erraten zu Erntedank, mit der Laterne am Martinsumzug teilnehmen, die Nikolausfeier in der Gruppe, ein Osternest herstellen, Geburtstage feiern, sind in vielen Eltern-Kind-Gruppen feste Bestandteile des Angebots. Sind damit schon alle Chancen einer religiösen Erziehung und Bildung ausgeschöpft?

Eine skizzenhafte Vergegenwärtigung der Anliegen der Eltern-Kind-Gruppenarbeit lässt eine sachgerechte Antwort zu:

Hauptanliegen der Eltern-Kind-Gruppenarbeit ist die Bildung der Eltern durch gemeinsame Aktionen der Eltern und Kinder und durch den Erfahrungsaustausch im Elterngespräch. Eine Eltern-Kind-Gruppe setzt sich zusammen aus sieben bis zwölf Eltern mit ihren Kindern. Somit besteht die Gesamtgruppe aus 15 bis 25 Teilnehmer/innen. Die Gruppe trifft sich regelmäßig ein- bis zweimal wöchentlich in einem Raum, der genügend Platz zum Spielen, Malen, Werken und Feiern bietet.

Der Ablauf eines Treffens besteht aus folgenden drei größeren Teileinheiten: Aktion, Beobachtung und Elterngespräch.

Erstens, die Aktion: Unter Anleitung der Gruppenleiter/innen spielen, malen, singen, feiern die Eltern mit ihren Kindern zusammen. Wichtige Intention ist dabei: Eltern und Kinder interagieren miteinander und arbeiten zusammen.

Zweitens, die Beobachtung: Während der Aktion beobachten Gruppenleiter/innen und Eltern die Kinder und den Gruppenverlauf. Die Beobachtungen sind Anlass und Thema der Elterngespräche.

Drittens, das Elterngespräch: Nach der Aktion setzen sich die Eltern zusammen und sprechen darüber, was ihnen am meisten gefallen hat und wo sie Schwierigkeiten sehen konnten. Daraus entwickeln sich Gespräche über Kindererziehung und Gestaltung des Familienalltags.

Eltern-Kind-Gruppenarbeit darf nicht nur auf die Vorgänge im Gruppenraum begrenzt werden. Die weitreichenden Auswirkungen sind auf dem Hintergrund des Familienalltags zu bemessen. In der Eltern-Kind-Gruppenarbeit werden Verhaltensmuster aus der Familie, Einstellungen der Eltern zur Erziehung und Umgangsformen zwischen Eltern und Kindern sichtbar; zusätzlich können die reflektierten Aktionen und Gespräche in den Gruppen Einfluss auf das Familienleben haben.

3. Wie geschieht Glaubensbildung in Eltern-Kind-Gruppen?

Der Einblick in das Konzept der Eltern-Kind-Gruppenarbeit verdeutlicht: Eltern erleben hier konkret und hautnah den Umgang mit ihren Kindern. Sie sehen, wie andere Eltern mit ihren Kindern umgehen, sie diskutieren und verhandeln ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Gleiches gilt für die religiöse Erziehung: In den Gruppen werden Vorbereitungen für Feste durchgeführt, Eltern und Kinder hören religiöse Erzählungen und Geschichten, singen miteinander, beten und feiern. Eltern und Kinder erleben die Gruppen und machen wichtige Grunderfahrungen im Umgang miteinander, die die menschliche Basis der Glaubensfähigkeit sind (Schnabel 1994).

Eine einmalige Chance der Glaubensbildung in Eltern-Kind-Gruppen ist das Lernen der Eltern durch Beobachtung und Dabeisein. Viele Eltern wissen nicht, wie sie mit ihren Kindern Glauben praktizieren sollten. Es fehlt der Mut zum ersten Schritt, weil sie in Fragen des Glaubens äußerst unsicher sind. Ganz große Hilflosigkeit ist bei praktischen Fragen vorhanden: “Wie soll ich mit meinen Kindern beten? Wie kann man ein kirchliches Fest zu Hause feiern, sodass der christliche Inhalt zum Tragen kommt?”

In den Eltern-Kind-Gruppen sehen und erleben die Eltern anschaulich, wie Glaube praktiziert werden kann. Sie beobachten und können miterleben: Kleinkinder beten gern, sie hören gespannt die religiösen Geschichten, ihnen kann der christliche Sinngehalt eines Festes erklärt werden. Die meisten Eltern würden dies Kleinkindern nicht zutrauen. Weiterhin kann durch gute Eltern-Kind-Aktionen den Eltern vor Augen geführt werden, dass Kinder Begeisterung, Freude und Spannung durch den Glauben erleben können.

4. Zentrum der Elternbildung: das Elterngespräch

Das Kernstück der Eltern-Kind-Arbeit ist das Elterngespräch: Es hat seine Grundlage und sein Thema durch das konkrete Handeln während der Aktion und weitet sich auf alle Fragen der Kindererziehung und der Gestaltung des Familienalltags aus. Der Gruppenleiter oder die Gruppenleiterin können darüber reden, wie die Aktion bei den Eltern ankommt. Beim Reden über die Erlebnisse aus der Gruppe werden bald Fragen und Erfahrungen dazukommen, die die Glaubenspraxis in den Familien betreffen. Dann erzählen Eltern, wie sie in ihrer Familie den Glauben leben, und verschiedene Praktiken der Glaubenserziehung werden diskutiert.

Jedoch kommen in Gruppen, die sich auf die Auseinandersetzung zur Glaubenspraxis einlassen, bald die Fragen der Eltern nach ihrer Glaubenseinstellung hinzu. Als Aufgabe steht dann an: durch die Gespräche viele Missverständnisse und Vorurteile der Eltern bezüglich der christlichen Einstellung zu entkräften und sachgerechte Informationen zu geben. Es kann hier ein derartiges Bedürfnis nach Information ausgelöst werden, dass ein eigener Elternabend benötigt wird. Wenn ausschließlich Fragen des Glaubens und Belange des Christentums beraten werden sollten, so wäre ein Theologe oder der zuständige Pfarrer bei einem solchen Gespräch eine unverzichtbare Hilfe.

Das Elterngespräch durchläuft verschiedene Vertiefungsstufen, die zu einer intensiven persönlichen Begegnung der Teilnehmer/innen führen können. Die Aktion knüpft Bindungen und Beziehungen bei den Teilnehmer/innen, dadurch entsteht Vertrauen und Offenheit, sodass sehr persönliche Erfahrungen und Erlebnisse mitgeteilt werden.

Allein beim gemeinsamen Sternebasteln, wird bereits diese Tiefe des Erfahrungsaustausches erreicht.

Folgendes Schema zeigt die Stufen der Vertiefung, wie sie im Elterngespräch durchlaufen werden können.

  1. Stufe: Fragen nach Methode und Technik
  2. Stufe: Berichte über Beobachtungen aus der Aktion
  3. Stufe: Berichte über Situationen und Verhaltensweisen aus dem Familienalltag
  4. Stufe: Erfahrungen aus der Herkunftsfamilie

Konkretisiert an der Aktion “Weihnachtssterne basteln” nimmt ein Elterngespräch folgenden Verlauf: Zunächst interessiert die Teilnehmer/innen worauf beim Herstellen der Sterne zu achten ist, dass sie ihre symmetrische Form erhalten. Oftmals werden auch zusätzliche Techniken des Herstellens von Sternen gezeigt. Oder Eltern wollen wissen, wo es das Material zu kaufen gibt.

Diese Fragen berühren meist auch Beobachtungen aus der Aktion, z.B. “Warum gelang es nicht durch mein Schnittmuster zu einem Stern zu gelangen? Wie verblüfft waren die Kinder als beim Entfalten sich ein wunderbarer Stern zeigte.” Das Gespräch über Erfahrungen und Erlebnisse aus der Aktion bezieht auch inhaltliche Schwerpunkte ein: “Was bedeutet ein Stern in der Weihnachtszeit? Welchen Sinngehalt repräsentiert ein Stern? Was verbinde ich mit einem Stern? Welche biblischen Erzählungen berichten vom Weihnachtsstern?”
Diese Fragen weiten sich oft auf Verhaltensweisen und Rituale in Familien aus. Eltern berichten, wie sie mit ihren Kindern die Advents- und Weihnachtszeit gestalten.

Welche Bedeutung Sterne für Väter oder Müttern haben, wurde häufig in Erlebnissen der Herkunftsfamilien grundgelegt. “Ich mag Sterne herstellen gar nicht, weil wir als Kinder in der Adventszeit immer äußerst sorgfältig Sterne schneiden mussten.” “Ich erinnere mich gerne an die Sterne meiner Kindheit. Es sah in unserer Wohnung so urgemütlich aus, wenn an den Fenstern, an den Blumen und an den Schränken Sterne hingen.”

Der Schluss eines Elterngespräches soll immer wieder auf das Verhalten hier und heute zurückführen (Schulz von Thun 1996, S. 55). “Diesmal werden wir mit den Kindern zusammen den Christbaumschmuck anfertigen … Heuer müssen unbedingt Sterne am Christbaum hängen.”

Nicht in allen Elterngesprächen werden die beschriebenen Stufen durchschritten, aber auf all den angesprochenen Stufen bieten sich Gelegenheiten, um über religiöse Erfahrungen reden zu können. Es ist auch für den Theologen eine Herausforderung, religiöse Themen und Schwerpunkte des christlichen Glaubens erlebnisnah und konkret an den Erfahrungen des Alltags erörtern zu können. Rückgebunden an Erfahrungen aus der Aktion in der Eltern-Kind-Gruppe und an den Erfahrungen aus den Familien können die Glaubensfragen nicht in allgemein gültiger Form eingebracht werden, sondern sie müssen sich voll und ganz auf die Fragen und Anliegen der Teilnehmer/innen einstellen. Die Erörterung religiöser Themen mit den Eltern erbringt neue Aspekte und neue Mitteilungsmöglichkeiten von Glaubenserfahrungen. Dadurch eröffnen sich Chancen, dass religiöses Reden das Lebensgefühl der Menschen heute treffen kann.

Oftmals tun sich durch die Eltern-Kind-Gruppen noch weitere Möglichkeiten auf: Eltern engagieren sich auch außerhalb der Eltern-Kind-Gruppen in verschiedenen Gremien und Initiativen der Pfarrei, z.B. zeigt sich bei den Beratungen, dass in der Gemeinde kein Gottesdienstangebot für Familien mit Kleinkinder besteht; einige Eltern beschließen kindgerechte Gottesdienste vorzubereiten, oder Eltern möchten sich eingehender mit Fragen des Glaubens beschäftigen und organisieren ein Wochenende, das sich nur mit Fragen der religiösen Erziehung beschäftigt. Oder die Einsicht setzt sich durch: Nur wer in den Gremien der Pfarrei mitwirkt, kann bewirken, dass sich das Pfarrleben auch an den Bedürfnissen der jungen Familien ausrichtet.

5. Schwerpunkte der Glaubensbildung

Glaubensbildung nach dem Konzept der Eltern-Kind-Gruppenarbeit will Begeisterung am Glauben bei Eltern und Kindern wecken, will Freude am religiösen Tun erzeugen und will mit allen Sinnen zur religiösen Sinnfindung beitragen.

Glaubensbildung geschieht indirekt durch das Umfeld: Einrichtungen der Pfarrei und Pfarrleben bewusst zur Kenntnis nehmen. Die Eltern-Kind-Gruppen treffen sich in den Räumen der Pfarrgemeinde. Den Eltern und Kindern soll bewusst werden, dies sind die Räume unserer Pfarrgemeinde. Hier sind wir gern gesehen. Hier ist auch für Eltern mit Kindern eine Heimat und eine Möglichkeit des Erfahrungsaustausches.

Die Eltern sollten mit ihren Kindern alle Besonderheiten einer Pfarrei auskundschaften dürfen, sie schauen sich z.B. das Kirchengebäude an. Oder der Pfarrer macht in der Eltern-Kind-Gruppe einen Besuch. All die Möglichkeiten, die sich aus der Verbindung zur Pfarrei ergeben, sollten bewusst genutzt werden. Umgekehrt werden sich die Mitglieder der Eltern-Kind-Gruppen zunehmend stärker auch bei den Veranstaltungen der Pfarrei beteiligen, z.B. beim Pfarrfest, Martinsumzug. Und noch dazu bringen Eltern-Kind-Gruppen neue Veranstaltungsformen und Initiativen in die Pfarrei ein, z.B. Kinderfasching, Ostereiersuchen mit der Familie, Kartoffelfeuer und vieles mehr.

Glaubensbildung geschieht in Eltern-Kind-Gruppen auch durch diese Gemeinschaftserfahrungen: Das gemeinsame Handeln, Lösen von Schwierigkeiten, allein das Erlebnis des Anderen, die Erfahrungen etwas miteinander zu machen, schafft Voraussetzungen und Grundlagen für den christlichen Glauben. In der Gruppe können Kinder und Eltern sehen und spüren, dass sie in eine größere Gemeinschaft eingebettet sind. Diese Erfahrungen können bei den Kindern und auch bei den Eltern Vertrauen und Sicherheit aufbauen – eine entscheidende Grundlage für die christliche Glaubenshaltung (Grom 1981).

Neben den indirekten Möglichkeiten der Glaubensbildung, die jedoch gerade im Kleinkindalter die entscheidensten sein können, bieten die Eltern-Kind-Gruppen auch direkte Möglichkeiten der gemeinsamen Glaubenspraxis: In der Gruppe werden verschiedene Feste des Kirchenjahres begangen: beispielsweise kommt der Nikolaus in die Gruppe, Eltern und Kinder beteiligen sich am Martinszug; oder, in der Gruppe wird eine Weihnachtsfeier oder Osterfeier durchgeführt. Zum gemeinsamen Feiern gehören entsprechende Lieder, Gebete, biblische Geschichten oder Heiligenlegenden.

Weiterführende Literatur

  • Grom, B.: Religionspädagogische Psychologie des Kleinkind-, Schul-, und Jungendalters, Düsseldorf Göttingen 1981.
  • Schnabel, M.: Glaubensbildung in Eltern-Kind-Gruppen, Stockdorf 1994.
  • Schulz von Thun, F.: Praxisberatung in Gruppen, Weinheim Basel 1996.

Weitere Beiträge des Autors hier in unserem Familienhandbuch

Autor

Michael Schnabel war wissenschaftlicher Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik

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Erstellt am 30. Mai 2001, zuletzt geändert am 28. Oktober 2011