Stärkung elterlicher Kompetenz: Neue Elternprogramme am Beispiel des Programms von Richard R. Abidin

Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis
Wfthenakis

 

 

 

 

Elterliche Kompetenz ist gefragt. Auch in der bundesweiten Diskussion und in öffentlichen Debatten wird immer wieder daran erinnert, wie wichtig die Stärkung elterlicher Kompetenz für die weitere Entwicklung des Kindes ist. Dabei, wie konnte es anders sein, sind es extreme Positionen, die die Diskussion beleben. Judith Rich Harris vertritt in ihrem Buch “Ist Erziehung sinnlos?” (2000) die Auffassung, dass Eltern für die Entwicklung ihrer Kinder nicht so wichtig sind wie die Gleichaltrigen, deren Bedeutung in der Forschung bislang vernachlässigt wurde. Susanne Gaschke hat für Deutschland mit ihrem Buch “Die Erziehungskatastrophe. Kinder brauchen starke Eltern” (2001) sogar den Erziehungsnotstand ausgerufen. Und das Ehepaar Petra Gerster und Christian Nürnberger hat die Nation belehrt, was Eltern tun und lassen sollten. Um so wohltuender heben sich Beiträge ab, die sich wissenschaftlich und nicht journalistisch mit diesem Thema befassen. Einen davon hat der amerikanische Familienforscher Professor Richard Abidin für Eltern mit Kindern unter sechs Jahren vorgelegt, das hier vorgestellt wird.

Trainingsangebote für eine engagierte Elternschaft vermitteln allgemeine erzieherische Kompetenzen und Inhalte. In Nordamerika gibt es zu diesem Thema mittlerweile mehr als 560 Elternprogramme, und eine Kommerzialisierung wird immer deutlicher: “In den USA ist bereits ein breiter Markt für Elternerziehung mit Produkten und Serviceleistungen entstanden, und es werden Programme in Paketen sowie Trainingskurse zur Anwendung dieser Programme angeboten. Manuale, Workshops und Videos zählen zum Begleitrepertoire” (Fthenakis/Eckert 1997, S. 226).

Auch Programme zur Stärkung der Familie, die vor allem den Zusammenhalt und die Widerstandskraft des familialen Systems in das Zentrum der Trainingsarbeit stellen, werden angeboten, wie beispielsweise Strengthening Family Resilience von F. Walsh (1998).

Eines der meist gelesenen und angewandten Elterntrainingsprogramme ist das Parent Effectiveness Training (PET) von T. Gordon, das bereits als “Erziehungsbestseller” in der Elternbildung gilt (Gordon 1970, 1989). Zum ersten Mal erschien es 1970 und wurde seitdem vielfach neu aufgelegt. Unter dem deutschen Titel “Familienkonferenz” gelangte es 1976 unter die 50 meist gekauften Bücher in der Bundesrepublik Deutschland.

Das Programm bezieht sich vorwiegend auf die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, die oft durch Konflikte belastet sind. Grundlegende Idee ist der Aufbau einer “partnerschaftlichen” Eltern-Kind-Beziehung ohne Anwendung von Macht (Minsel 1986, S. 292). Durch Beispiele, Übungen und praktische Ratschläge sollen Eltern Fähigkeiten entwickeln, um Konflikte effektiv lösen zu können. In 16 Kapiteln können Eltern sich diese Konfliktlösungsfertigkeiten aneignen. Dabei werden die wichtigsten Probleme der Erziehung thematisiert:

Kommunikation zwischen Eltern und Kindern

Eltern lernen, ihren Kindern “aktiv” zuzuhören und auf Signale zu achten, so zu sprechen, dass ihre Kinder sie verstehen können. Auf Anschuldigungen und “Du-Botschaften” soll verzichtet werden (Gordon 1989, S. 5f.).
Verhaltensmodifikation: Eltern sollen für Kinder Bedingungen schaffen, die es erlauben, negative Verhaltensweisen zu verändern.
Anwendung von elterlicher Macht: Eltern sollen eine hierarchische Beziehungskonstellation zu ihren Kindern verhindern, in der sie als Eltern Druck ausüben, und stattdessen ein partnerschaftliches Verhältnis aufbauen.
Konfliktlösungen: Eltern lernen, Konflikte effektiv zu lösen.
Veränderung des elterlichen Verhaltens: Eltern wird empfohlen, auch an negativen Verhaltensweisen zu arbeiten und diese durch positive zu ersetzen (Gordon 1989, S. 7ff.).

Durch das Programm können Eltern Muster und Erklärungen für eigene Verhaltensweisen und wiederkehrende Stresssituationen aufdecken und durch realistische Einstellungen und effektive Handlungen ersetzen. Die Effektivität des Programms wurde durch zahlreiche empirische Untersuchungen nachgewiesen (Gordon 1970, 1989).

Ein weiteres erfolgreiches Elterntrainingsprogramm ist das Systematic Training for Effective Parenting (STEP) von D. Dinkmeyer und G.D. McKay (1997), das ebenfalls in den 70er Jahren konzipiert und in vielen Neuauflagen verbessert und aktualisiert wurde. Seit kurzem ist das STEP-Programm in einer dem deutschen Kulturraum angepassten Fassung erhältlich. Es unterstützt Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder zu selbstständigen, selbstbewussten und verantwortungsbewussten Erwachsenen. Das Programm vermittelt effektive Elternfertigkeiten, die in einem wöchentlichen Treffen eingeübt werden.

Das Early Childhood Parenting Skills (ECPS) Programm zählt auch zu den Elternbildungskonzepten, die zur Erweiterung von Elternkompetenzen herangezogen werden können. Es nimmt innerhalb der Programmlandschaft von Elternangeboten eine besondere Stellung ein, da es aus wesentlichen Erkenntnissen gegenwärtiger Forschung und positiven Aspekten bereits erprobter Programme zusammengestellt wurde und außerdem sehr aktuell ist (Abidin 1996). Im Folgenden werden der Autor und seine Zielsetzung vorgestellt. Dabei verwende ich für die Bezeichnung des Programms die abgekürzte Schreibform ECPS.

Der Autor R.R. Abidin

Das ECPS wurde 1996 von R.R. Abidin entwickelt. R.R. Abidin ist gegenwärtig Leiter des Programms für klinische Psychologie und Schulpsychologie an der Universität von Virginia, USA. Des Weiteren ist er als Professor in der Elternbildung und -beratung, in der Kinderpsychologie, in der Schulberatung und in vielen weiteren Bereichen tätig. Er schreibt für etliche Fachzeitschriften und hat als Autor zahlreiche Bücher veröffentlicht. Zu seinen Arbeiten zählen unter anderem eine Reihe anerkannter Skalen und Programme im Bereich Familie und Schule, wie beispielsweise:

Parenting Alliance Meassure (PAM); der Test misst die Übereinstimmung und den Zusammenhalt zum Thema Kindererziehung zwischen den Elternteilen (Abidin/Konold 1999).
The Parenting Stress Index (PSI) wurde entwickelt, um potenzielle Störungen des Eltern-Kind-Systems aufzudecken (Abidin 1995, 1997),
The Index of Teaching Stress (IST); der Fragebogen soll herausfinden, wie stressbelastet eine Beziehung zwischen einem Lehrer und einem bestimmten Schüler ist (Greene/Abidin/Kmetz 1997).

Programminhalt und Zielsetzung

Das Programm besteht aus drei großen Teilbereichen:

(1) Der erste Teil beinhaltet Hinweise zur Anwendung des ECPS und geht insbesondere auf die Arbeit mit unterschiedlichen Familienformen ein. An dieser Stelle stellt der Autor außerdem Möglichkeiten zur Evaluierung des ECPS vor.

(2) Der zweite Teil besteht aus den 19 Hauptsitzungen des ECPS, die den Kursverlauf bestimmen. Dabei werden verschiedene Themenkomplexe bearbeitet:

  • Entwicklung des kindlichen Persönlichkeitsmodells,
  • Evaluierung der Beziehung zwischen Eltern und Kind,
  • Aufbau und Stabilisierung der Beziehung zwischen Eltern und Kind,
  • Disziplin,
  • Umgang mit dem kindlichen Verhalten,
  • Umgang mit Emotionen.

(3) Der dritte Teil ist eine Erweiterung des Kurses bis zu 5 Sitzungen und beinhaltet Vorträge und Workshops zu bestimmten Themen, wie beispielsweise besondere Erziehungsmaßnahmen für auffällige Kinder, schulische Unterstützung, Kommunikation mit Lehrer/innen oder die Nutzung sozialer Unterstützungsangebote.

In jeder Sitzung vermittelt der/die Gruppenleiter/in den teilnehmenden Eltern ein grundsätzliches Wissen über die entsprechenden Sitzungsinhalte. In Diskussionen werden diese gemeinsam aufbereitet, wobei Fragen, Befürchtungen, Anmerkungen und vor allem eigene Erfahrungen im Vordergrund stehen sollen. Durch Übungen, Rollenspiele und Hausaufgaben trainieren die Eltern ihr erworbenes Wissen. Ein zusätzliches Arbeitsbuch unterstützt die Eltern bei der praktischen Umsetzung. Alle Hausaufgaben und dabei entstandenen Schwierigkeiten oder Fragen werden zu Beginn jeder Sitzung besprochen.

Das ECPS wurde vorwiegend für die Arbeit mit Eltern konzipiert, deren Kinder maximal das Grundschulalter (0-8 Jahre) erreicht haben. Es soll Elternkompetenzen vermitteln und trainieren, die sich positiv auf die Erziehung und somit förderlich auf die kindliche Entwicklung auswirken.

R.R. Abidin weist darauf hin, dass das ECPS von allen Fachkräften, die im Bereich der Elternarbeit professionell tätig sind, angewendet werden kann. Wichtig dabei ist jedoch, das der/die Gruppenleiter/in einen toleranten und demokratischen Arbeitsstil vertritt, einfühlend auf die Probleme und Befürchtungen der Eltern eingeht und die unterschiedlichen Einstellungen und Entwicklungsstadien der Eltern zu Kindererziehung nicht untergräbt, sondern einbindet. Grundlegend für das Programm ist die Einsicht, dass es keine allgemein gültige und keine beste Form der Kindererziehung gibt. Nur mit dieser Einstellung kann mit dem ECPS erfolgreich gearbeitet werden (Abidin 1996a, S. 3f.).

Dem ECPS liegt keine völlig neue Methode zugrunde, sondern es verbindet allgemeines Wissen und alltägliche Erfahrungen mit aktuellen und validierten Erkenntnissen aus der Kinder- und Familienpsychologie und der Verhaltensforschung. So wurde ein umfassendes Elterntraining zusammengestellt, das für Eltern konzipiert ist, die der gegenwärtigen durchschnittlichen Familie und keiner speziellen Risikogruppe angehören. Die Zielsetzung des ECPS beinhaltet, Eltern dabei zu unterstützen und zu stärken, ihre Kinder von deren Geburt an zu kompetenten, verantwortungsbewussten und warmherzigen Menschen zu erziehen.

Die fünf besonderen und neuen Aspekte, welche das ECPS in die gegenwärtige Trainingslandschaft einbringt, sind die Folgenden:

  • Es verbindet unterschiedliche Forschungsansätze, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen;
  • es wurde für “alle” Eltern konzipiert und beschränkt sich nicht auf spezifische familiale Situationen;
  • es unterstützt Eltern, die sich der Verantwortung gegenüber ihren Kindern nicht entziehen wollen, sie in ihrer Entwicklung zu glücklichen, verantwortungsbewussten, kompetenten und warmherzigen Menschen zu fördern;
  • es bezieht sich auf die frühe Entwicklungsphase der Kinder, in der bereits grundlegende Fähigkeiten erworben werden;
  • es greift die globalen Veränderungen unserer Gesellschaft auf, indem es die Kinder – durch die Stärkung personaler und interpersonaler Kompetenzen – auf ihre Anforderungen von Morgen vorbereitet.

Vor allem der zuletzt erwähnte Aspekt erscheint mir wesentlich, da Eltern ihre Kinder somit konkret auf die veränderten gesellschaftlichen und familialen Strukturen sowie auf den allgemeinen Wertewandel vorbereiten können.

Anwendungskonzept für das Early Childhood Parenting Skills Programm

Die Konzeptionierung des ECPS ermöglicht eine direkte Anwendung durch einen/eine Kursleiter/in. Es beinhaltet alle wichtigen Informationen über die einzelnen Themen und versorgt den/die Kursleiter/in mit praktischen Beispielen und Aufgaben.

Eine direkte Umsetzung des ECPS erfordert eine gut strukturierte Planung und Organisation wesentlicher Faktoren, die unter dem Begriff Rahmenbedingungen zusammengefasst sind. Ferner müssen Möglichkeiten zusammengestellt werden, wie Eltern für eine Teilnahme am Trainingsprogramm gewonnen werden können.

Nachdem diese Vorbereitungen geleistet wurden, sollte die Gruppenleitung einen Arbeitsplan erstellen, wobei spezielle Aspekte der Gruppenarbeit, insbesondere mit Paaren, berücksichtigt werden müssen.

Um einen effektiven Programmablauf gewährleisten zu können, müssen zuvor einige organisatorische Bedingungen geklärt werden. Dazu gehören die Festlegung der Teilnehmerzahl, der räumliche und zeitliche Rahmen und das Angebot einer Kinderbetreuung. Ferner muss vorab das Anforderungsprofil des/der Gruppenleiter/in und der Zielgruppe festgelegt werden. Im Folgenden stelle ich diese Grobplanung näher vor und gehe auf Einzelheiten, welche die Umsetzung des ECPS betreffen, näher ein.

Organisatorisches

R.R. Abidin begrenzt die Teilnehmerzahl auf 6 bis 20 Personen (Abidin 1996a, S. 33). Die Mitarbeiter des DFV-Modellprojektes “Wenn aus Partnern Eltern werden” haben die Anzahl der Teilnehmer/innen auf 4 bis 7 Paare eingegrenzt (Eckert 1999b, S. 80). Eine Gruppe aus 5 bis 6 Paaren bildet eine optimale Zusammensetzung, die sowohl den persönlichen Kontakt und Austausch der einzelnen Teilnehmer/innen – der bei diesem Progamm einen wesentlichen Faktor darstellt – noch gewährleistet als auch eine interessante Mischung aus unterschiedlichen Paaren ermöglicht.

Der zeitliche Rahmen bezieht sich auf die Dauer der einzelnen Sitzungen und auf die Zeitspanne des gesamten Progr<span class="searchterm6">amms. Die einzelnen Sitzungen benötigen einen zeitlichen Aufwand von ungefähr 1 ½ bis 2 Stunden und bestehen vorwiegend aus drei Komponenten:

  • Rückblick über die vorangegangene Sitzung und Besprechung der Hausaufgaben: ca. 20-30 Minuten,
  • Darstellung des neuen Themas: ca. 40 Minuten, und
  • Diskussion der neuen Thematik und Erklärung der Aufgaben für zu Hause: ca. 20-30 Minuten (Abidin 1996a, S. 4).

Die Dauer der einzelnen Sitzungen wird außerdem von der Arbeitsweise des/der Gruppenleiter/in und der Zusammensetzung der Kursteilnehmer/innen beeinflusst.

Die Zeitspanne des gesamten Kurses hängt von der allgemeinen Planung ab, da das ECPS mehrere Angebote bereit stellt. So kann zwischen einem Basiskurs, der 19 bis 20 Sitzungseinheiten vorsieht, oder drei unterschiedlichen verkürzten Kursen mit 7 bis 11 Sitzungseinheiten gewählt werden. Des Weiteren können bis zu 5 zusätzliche Spezialsitzungen zu bestimmten Themen in Anspruch genommen werden (Abidin 1996a, S. 7ff.).

Der Kurs sollte wöchentlich, eventuell auch zweiwöchentlich stattfinden, sodass konsequent an den Fragestellungen gearbeitet werden kann. Ein festgelegter Termin am Abend ist für das Trainingsprogramm vorteilhaft, denn dadurch wird auch den berufstätigen Elternteilen die Möglichkeit eröffnet, am Kurs teilzunehmen.

Die Räumlichkeiten sollten für die Schaffung einer angenehmen, vertrauensvollen Atmosphäre geeignet sein. So sind beispielsweise große (aber nicht zu große), helle Räume, mit viel Licht, Sonne und ansprechenden warmen Farben, sehr von Vorteil. Ferner müssen auch praktische und technische Faktoren berücksichtigt werden: ausreichend bequeme Stühle und Tische sowie Tafel oder andere Visualisierungsmöglichkeiten u.v.a.m.

Ein wichtiger Aspekt ist die Kinderbetreuung, der unbedingt bei der Planung und Organisation berücksichtigt werden muss. Bei einigen Elternbildungsprogrammen können die Eltern ihre Kinder in die Sitzungen mitbringen, wie beispielsweise bei den Kursen “When Partners Become Parents” von C.P. Cowan und P.A. Cowan (Cowan/Cowan 1994, S. 244f.). Für das Elterntrainingsprogramm von R.R. Abidin stellt diese Möglichkeit jedoch nicht die beste Lösung dar, da die Themen unter anderem in Vortragsformen von der Gruppenleitung vorgestellt und gemeinsam mit den Eltern erarbeitet werden. So würden sich die Kinder dabei meist langweilen, und die Eltern können sich weniger konzentrieren. Eine effektive Möglichkeit wurde von den Mitarbeitern des DFV-Modellprojektes konzipiert, indem ein weiterer Raum in nächster Nähe des Kurses und eine Fachkraft zur Betreuung der Kinder bereit gestellt wurden (Eckert 1999b, S. 80). Dabei muss darauf geachtet werden, dass die Kinderbetreuung in einer kompetenten und vertrauengebenden Form angeboten und durchgeführt wird.

Anforderungsprofil und Aufgaben des/der Gruppenleiter/in

Der/die Gruppenleiter/in sollte auf jeden Fall fachlich für die Arbeit mit Elterngruppen qualifiziert sein. Ob die jeweiligen Ausbildungen und professionellen Kompetenzen potenzieller Kursleiter/innen ausreichend sind, muss im Einzelnen geklärt werden. Von Vorteil sind Erfahrungen aus dem Bereich der Trainingsarbeit; diese können jedoch auch durch Schulungen und intensive Beschäftigungen mit den Themen kompensiert werden.
Ferner verweist R.R. Abidin zu Beginn seines Programms darauf, dass der Kurs von allen Fachkräften, die professionell mit Eltern und Kindern arbeiten, durchgeführt werden kann. Wichtig ist ihm dabei die individuelle Arbeitsweise und persönliche Einstellung zum Thema Elternarbeit. Seiner Meinung nach sind eine offene, tolerante und respektvolle Haltung gegenüber den Teilnehmer/innen sowie ein demokratischer Leitungsstil unverzichtbar. Der/die Gruppenleiter/in hat die Aufgabe, eine vertrauensvolle Atmosphäre und ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe zu schaffen (Abidin 1996, S. 3f.). So sind gut ausgebildete grundlegende soziale Kompetenzen, wie kommunikative Fähigkeiten, Einfühlungsvermögen, Selbstbewusstsein, Flexibilität u.a., sowie didaktische und methodische Kompetenzen vonseiten der Gruppenleitung wesentlich. Für das Reflektieren der eigenen Basiskompetenzen bietet das Handbuch Elternbildung die Möglichkeit, sich mit den eigenen Fähigkeiten, hier “Meta-Kompetenzen” genannt, auseinander zu setzen und eventuell Lücken zu schließen. Dies dient dem sicheren Auftreten und einer einfühlenden Arbeitsweise innerhalb der Gruppe.

Eine interessante Gestaltung der Gruppenleitung ist bei der Konzeption des DFV-Modellprojektes zu finden. So wurde hier die Leitung einer männlichen und einer weiblichen Fachkraft übertragen. Der Vorteil dabei ist, dass die Kursleitung die Paarkonstellation der Eltern widerspiegelt und dass Männer sowie Frauen die Möglichkeit haben, Vertrauen zu dem/der Kursleiter/in ihres Geschlechtes aufbauen zu können (Eckert 1999c, S. 98). Die Paar-Gruppenleitung stellt auch für das Elterntrainingsprogramm nach R.R. Abidin eine anwendbare Möglichkeit dar.

Ein wichtiger Aspekt der Arbeit des/der Kursleiter/in ist in der beratenden und unterstützenden Funktion der Teilnehmer/innen zu sehen. So bezieht der/die Leiter/in die Position des Ansprechpartners für alle Fragen, Befürchtungen, Ängste und Anmerkungen der teilnehmenden Eltern, die sich aus dem Kursprogramm ergeben. Dabei muss er/sie als Ansprechpartner nicht nur während der Sitzungen zur Verfügung stehen, sondern auch außerhalb der vereinbarten Sitzungstermine und auch für einen gewissen Zeitraum nach Beendigung des Programms. Diese Maßnahme ist deshalb so wichtig, da sich die Eltern zu keinem Zeitpunkt innerhalb des Programms und im Anschluss daran allein gelassen oder überfordert fühlen dürfen, da dies zu weiteren persönlichen Problemen oder Störungen führen kann.

Der/die Gruppenleiter/in muss auch die Funktion eines/einer Supervisors/in für die teilnehmenden Eltern übernehmen. Der Begriff beinhaltet im Allgemeinen eine Form der Begleitung durch die praktische Arbeit innerhalb der Berufs- und Arbeitswelt mit dem Ziel, “… die Handlungskompetenzen und Interventionsmöglichkeiten zu erweitern und die Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit zu verbessern” (Fuchs-Brüninghoff 1990, S. 48). Um Unklarheiten bezüglich des begrifflichen Verständnisses von Supervision auszuschließen, stelle ich die folgende Definition der Deutschen Gesellschaft für Supervision vor: “Supervision ist eine Beratungsmethode, die zur Sicherung und Verbesserung der Qualität beruflicher Arbeit eingesetzt wird. Supervision bezieht sich dabei auf psychische, soziale und institutionelle Faktoren. (…) Supervision unterstützt die Entwicklung von Konzepten, bei der Begleitung von Strukturveränderungen (und) die Entwicklung der Berufsrolle” (Pühl 1999, S. 15).

Im Zusammenhang mit der Arbeit als Gruppenleiter/in von Elterngruppen verwende ich hier auch den Begriff der Supervision, da die Erweiterung von Kompetenzen im Mittelpunkt des Programms stehen. Durch ein Supervisionsangebot vonseiten der Gruppenleitung können demnach die Eltern bei einem Lösungsprozess von Problemsituationen beratend begleitet werden. Der/die Gruppenleiter/in übernimmt dabei die Aufgabe, aus der Komplexität der problembehafteten Situationen eine klärende Struktur herauszustellen, die Eltern bei der Erkennung der ursächlichen Faktoren zu unterstützen, sie bei der Aufstellung möglicher Lösungen zu ermutigen und auf dem Weg der Umsetzung stückweise zu begleiten (Redlich 1994, S. 4ff.). Diese Arbeit kann natürlich nicht ausschließlich innerhalb des zeitlichen Programmrahmens geleistet werden, sodass zusätzliche Besprechungstermine oft notwendig sind. Es wäre dabei zu überlegen, ob nicht regelmäßige “Sprechzeiten” für die Eltern eingerichtet werden sollen, die natürlich auch flexibel gestaltet werden können.

Innerhalb dieser Tätigkeit müssen nicht nur verschiedene Aufgabenstellungen und Funktionsanforderungen bewältigt werden, sondern auch die Übernahme von Verantwortung muss von der Gruppenleitung als Teil der Arbeit gelten. Das beinhaltet, dass der/die Gruppenleiter/in sich dessen bewusst sein muss, dass die Progr<span class="searchterm6">amminhalte sowie die individuelle Arbeitsweise zu Konsequenzen im Leben der teilnehmenden Eltern führen können. Mit diesem Hintergrund sollte der/die Gruppenleiter/in die Kurse mit Bedacht durchführen.

Die Gruppenleitung hat des Weiteren die Aufgabe, den teilnehmenden Eltern Wege für weiterführende Hilfsangebote zu eröffnen. So sollte eine Art soziales Netz aufgebaut werden, das einerseits Adressen von allgemeinen Hilfsangeboten, wie beispielsweise Familienbildungsstätten, und andererseits Kontaktmöglichkeiten zu Stellen, die sich mit spezifischen Problemen auseinandersetzen, wie Drogenmissbrauch etc., beinhalten. Die Zusammenstellung von Adressen, Hilfsangeboten und Kontaktstellen sollte sich immer auf die jeweilige Region beziehen und für die Teilnehmer/innen zugänglich sein.
Des Weiteren ist eine Auswahl an weiterführender Literatur sinnvoll, was auch von dem/der Gruppenleiter/in zu leisten ist.

Anforderungsprofil der Teilnehmer/innen: wer kann teilnehmen – wer kann nicht teilnehmen?

Das Programm wurde vorwiegend für Eltern konzipiert, deren Kinder sich im Alter von 0 bis ungefähr 8 Jahren befinden. Dem Autor ist es wichtig, die grundlegenden Kompetenzen schon im frühkindlichen Zeitraum zu vermitteln, da in diesem Alter die Basis für die Ausstattung der Persönlichkeit gelegt wird.

Innerhalb dieser Eingrenzung können alle Eltern teilnehmen, da sich das Programm nicht auf spezielle Probleme oder Situationen im Leben einer Familie bezieht. Jedoch bietet das Programm keinen Ersatz für Therapien und auch keine spezifische Beratung zu Störungen und anderen Schwierigkeiten. Diese Abgrenzung muss klar und deutlich hervorgehoben werden, da eine Teilnahme potenzieller Therapiepatienten äußerst risikoreich ist. Bevor Eltern am ECPS teilnehmen, müssen diese Faktoren ausreichend geklärt sowie Hoffnungen oder eventuelle Illusionen, die Eltern mit der Teilnahme verbinden, überprüft werden.

Bildung einer Koordinationsstelle

Für die Planung und Gestaltung von Elterntrainings ist es wichtig, eine Koordinationsstelle einzurichten, die von einer Projektleitung geführt wird. Der Aufgabenbereich der Koordinationsstelle beinhaltet:

  • Organisatorische Aspekte,
  • die Betreuung und Weiterbildung der Gruppenleiter/innen,
  • ein konsequenter Austausch über die Erfahrungen und Ergebnisse, die durch das Programm gemacht wurden, und
  • eine zentrale Erfassung dieser Ergebnisse und eine dementsprechende ständige Aktualisierung der Programminhalte.

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Autor

Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis

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Erstellt am 15. Oktober 2001, zuletzt geändert am 18. März 2010