Jungen – Verlierer in der modernen Erziehung?

Renate Niesel
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Interview mit Renate Niesel, Diplompsychologin, bis 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Frühpädagogik, Arbeitsschwerpunkte: Geschlechterbewusste Erziehung, Übergang vom Kindergarten in die Grundschule, Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule, Kinder in den ersten drei Lebensjahren.

Familienhandbuch: Immer wieder gibt es Veröffentlichungen, die die Erziehung der Jungen problematisieren: Gibt es eine Krise der Jungen? Oder haben wir es mit einem Interessenwechsel in der Forschung zu tun?

Renate Niesel: Um die Diskussion um die Jungen richtig einordnen zu können, muss man mehrere Entwicklungen betrachten. Zum einen ist die zunehmende Beachtung der Jungen und ihrer Probleme sicherlich auch eine Folge der Mädchenpädagogik, die in den 1990er Jahren hoch im Kurs stand. Die traditionelle Rollenteilung zwischen Frauen und Männern ist seit Jahren in der Diskussion. Sie hat z.B. ein neues Väterbild hervorgebracht. Gleichzeitig hat sich die Berufswelt stark verändert. Viele traditionelle Männerberufe in der produzierenden Wirtschaft werden heute von computergesteuerten Maschinen ausgeführt. Aber auch viele klassische Frauenberufe in Büros und Verwaltungen sind durch die Digitalisierung weggefallen. Das bedeutet zwar nicht, dass junge Frauen nun in vormals männliche Berufe strömen – aber sie könnten es. So genannte weibliche Kompetenzen, wie z.B. Kommunikations- und Teamfähigkeit, stehen hoch im Kurs. „Typisch männlich“ ist häufig ein eher negatives Etikett geworden. Von den gesellschaftlichen Veränderungen sind auch die Bedingungen betroffen, unter denen Kinder heute aufwachsen.

Das Problem schlechter Schulleistungen und Verhaltensauffälligkeiten von Jungen ist allerdings kein neues Phänomen, mit den Veränderungen in der Berufswelt ist es wahrscheinlich stärker in den Fokus gerückt. Praktikerinnen und Praktiker, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben begonnen, genauer hinzuschauen. Wo man früher nur das überbordende Selbstbewusstsein der Jungen und das allzu bereitwillige Sich-Zurückziehen der Mädchen als selbstverständlich angenommen hat, werden die Situationen von Jungen und Mädchen genauer betrachtet. Dabei geht es weniger um die Frage, was ist angeboren und was ist anerzogen, sondern darum, wie können wir Jungen und Mädchen stärken, so dass sie ihre individuellen Interessen und Kompetenzen entwickeln können, um mit einem positiven Selbstbild in einer Gemeinschaft mit anderen heranzuwachsen.

Anscheinend sind Jungen anfälliger für Krankheiten und weniger belastbar. Sind Jungen die Sorgenkinder in den Erziehungsinstitutionen?

Renate Niesel: In der Tat, sprechen die Zahlen dafür. Jungen sind z.B. häufiger Legastheniker. Mädchen erreichen die besseren Schulnoten und inzwischen auch die besseren Schulabschlüsse. Schulversager sind dagegen häufiger Jungen. In Beratungsstellen und Arztpraxen überwiegt die Zahl der männlichen Patienten. Große Sorgen bereitet auch das draufgängerische Verhalten von männlichen Jugendlichen, mit dem sie sich selbst und andere gefährden, ihre Gewaltbereitschaft und die erhöhte Gefahr für Jungen und Männer Opfer einer Gewalttat zu werden. Dennoch scheint mir Vorsicht geboten. Auch Mädchen leiden gerade mit dem Eintritt in die Pubertät unter besonderen Gefährdungen ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit, die vielleicht erst in ihren Extremformen wahrgenommen werden. Denken wir nur an die Essstörungen, die auch in Verbindung mit depressiven, also eher „stillen“ Erkrankungen auftreten und im schlimmsten Fall tödlich enden können.

Bergen Bravsein und Angepasstheit nicht auch Gefahren, beispielsweise Kritikunfähigkeit und Offenheit für Manipulation?

Renate Niesel: Das gilt wohl für beide Geschlechter. Ich glaube auch nicht, dass Bravsein und Angepasstheit heute noch als Erziehungsziele definiert werden. Der spannende Punkt scheint zu sein, dass man sich mit der Definition und Umsetzung von Erziehungszielen für Jungen schwerer tut als mit den Erziehungszielen für Mädchen. Deren Rollenbild hat sich erweitert. Mädchen dürfen heute prinzipiell alles, ja es ist sogar erwünscht, dass sie sich Bereiche erobern, die noch vor wenigen Jahren als typisch männlich und als für Mädchen unzugänglich galten. Umgekehrt funktioniert es nicht so einfach: Das Rollenbild der Jungen erscheint zunächst einmal beschnitten: ”Typisch männlich“ wird schnell und negativ bewertet. Was aber stattdessen? Für die meisten Jungen sind die so genannten ”soft skills“, wenn sie mit weiblichem Verhalten gleichgesetzt werden, wohl zunächst einmal wenig attraktiv und wenn Jungen sich am Ende der Kindergartenzeit wie Mädchen verhielten, machen die meisten Eltern sich wohl Sorgen, ob ihr Sohn „normal“ ist, von ihren männlichen Altersgenossen würden sie Spott ernten und wohl bald auch bei den Mädchen nicht mehr gut ankommen.

Übrigens hat die Entwicklung auch für Mädchen nicht nur positive Seiten: Es besteht die Gefahr der Überforderung. Es wird schon beinahe erwartet, dass sie als ”Powergirls“ einerseits ein bestimmtes Bild attraktiver Weiblichkeit verkörpern, andererseits selbstbewusst in allen Bereichen mit den Jungen konkurrieren, die unterschiedlichsten Anforderungen locker unter einen Hut bringen -”ihren Mann stehen“, wie eine Redensart so schön sagt.

Könnte es sein, dass Jungen deshalb auffällig sind, weil die pädagogischen Idealvorstellungen völlig an ihren Bedürfnissen vorbeigehen?

Renate Niesel: Statt von pädagogischen Idealvorstellungen muss man wahrscheinlich eher von pädagogischen Unsicherheiten sprechen. Und das spüren die Jungen natürlich auch und reagieren verunsichert – wahrscheinlich erleben sie viel Widersprüchliches in Familie, Kindergarten, Schule, Medien usw.. Ich glaube aber schon, dass den Bedürfnissen von Jungen oft nicht Rechnung getragen wird. Sie haben es z.B. schwerer, positive Vorbilder zu finden und frühpädagogische und grundschulpädagogische Berufe sind immer noch weit überwiegend eine weibliche Domäne. Von fehlenden Möglichkeiten zum Ausleben ihrer Bewegungs- und ihrer Abenteuerlust in einer Kindheit, die stark organisiert und selten ohne Behütung durch Erwachsene stattfindet, ist häufiger die Rede. Vieles fällt aber gar nicht sofort ins Auge. So berichten z.B. Erzieherinnen und Eltern, das viele Jungen der traditionellen Schulvorbereitung in Kindergärten (z.B. Arbeitsblätter bearbeiten, ausmalen, ausschneiden) wenig Begeisterung entgegenbringen oder sich ganz verweigern. Wie reagieren Eltern, Erzieher/innen oder Lehrer/innen darauf? Vielleicht sagen sie: ”So sind sie eben, die Jungs!“, lassen es dabei bewenden und tragen dazu bei, dass Jungen mit weniger Erfolgserlebnissen in die Schule starten. Oder sie stellen sich die Frage, ob es andere Möglichkeiten gibt, z.B. die feinmotorischen Fertigkeiten und andere schulnahe Kompetenzen der Jungen einzuüben, die sich an deren Interessen orientieren. Dazu gehört nicht nur eine geschlechtersensible Perspektive, sondern auch Fachwissen über unterschiedliche Entwicklungstempi in manchen Bereichen und Altersabschnitten. In der sprachlichen Entwicklung und in der Selbstregulation sind Mädchen gerade zu Schulbeginn voraus.

Fehlen dem gesellschaftlichen Leben entscheidende Dimensionen, wenn nur noch Softies die Szene beherrschen?

Renate Niesel: Der ”Softie“ war, wenn überhaupt, nur sehr kurzfristig eine Idealvorstellung von Männlichkeit. Sehr schnell wurde ein Schimpfwort daraus. Das Bild vom Softie entstand in einer Zeit, in der die Frauen ihren Platz in der Arbeitswelt einforderten und von den Männern erwarteten, dass die ihren Teil der Familienwelt übernehmen. Ein Erziehungsziel für Jungen könnte sein, dass Jungen lernen, dass es verschiedene Möglichkeiten des Jungesein und des Mannsein gibt. Ein Junge, der „soft“ sein möchte, der Interessen hat, die für einen Jungen ungewöhnlich erscheinen und der sich auch im Spiel mit Mädchen wohlfühlt, muss das dürfen, ohne von anderen Kinder oder gar Erwachsenen gehänselt zu werden..

Manche Forscher bezeichnen Junge als das schwache Geschlecht: Übertreibung oder Realität?

Renate Niesel: Den ”negativen Wettbewerb“, welches der Geschlechter denn nun das ”schwache“ oder das am stärksten benachteiligte sei, halte ich für sinnlos – er nützt niemandem. Gerade Pädagoginnen und Pädagogen brauchen eine geschlechtsbewusste Perspektive, durch die sie Alltagsituationen betrachten und reflektieren, um beiden Geschlechtern gerecht zu werden. Stellen wir uns ein individuelles Kind vor. Durch Beobachtungen und in Interaktion mit dem Kind lernen wir seine Bedürfnisse kennen (z.B. eine große Bewegungslust), erkennen seine/ihre Stärken (z.B. sie/er hat häufig gute Einfälle, wenn es darum geht, Spiele zu initiieren) und ihre/seine schwächeren Seiten, die der pädagogischen Unterstützung bedürfen (z.B. sie/er verliert schnell die Geduld und wird leicht wütend, wenn ihre/seine Wünsche nicht sofort befriedigt werden). Die Frage, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt, scheint zunächst irrelevant – sie ist es wahrscheinlich aber doch nicht. Macht es einen Unterschied, ob Jungen oder Mädchen sich mit dem Stillsitzen schwer tun? Sind wir über anhaltende Wutanfälle eines Jungen oder eines Mädchens stärker irritiert? Erkennen wir Führungsqualitäten oder halten wir es für Wichtigtuerei, je nachdem ob ein Mädchen oder ein Junge in der Gruppe der Spielgefährten als Wortführer(in) auffällt? Das pädagogische Handeln wird wohl unterschiedlich ausfallen – trotz der festen Überzeugung, Jungen und Mädchen gleich zu behandeln.

Das Geschlechterschema weiblich/männlich ist eines der mächtigsten gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien. Obwohl wir heute wissen, dass die individuellen Unterschiede innerhalb von Mädchen- und Jungengruppen größer sind als die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen im allgemeinen, ist es sehr schwer die „Geschlechterbrille“ abzulegen und „nur“ das individuelle Kind zu sehen. Pädagoginnen und Pädagogen müssen ihre Haltung in der pädagogischen Arbeit immer wieder reflektieren. Wie unterschiedlich sind Mädchen und Jungen wirklich? Wo liegen in meinen/unseren Augen die Stärken und die Schwächen beider Geschlechter? Was bedeutet dies für die Arbeit in Krippen, Kindergärten und Schulen? Welche Erziehungsziele lassen sich ableiten? Welche pädagogischen Ansätze werden ihnen gerecht? Was lernen Kinder besser in gleichgeschlechtlichen, was besser in gemischtgeschlechtlichen Gruppen? Da sind nur einige der Fragen, die uns heute und in Zukunft beschäftigen müssen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Sind die Jungen Bildungsverlierer?

Renate Niesel: Die Jungen als homogene Gruppe gibt es nicht. Über Jungen aus bildungsorientierten Familien, die in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen leben und mit unserem Bildungssystem vertraut sind, brauchen wir uns, meiner Meinung nach, keine Sorgen zu machen. Wir wissen jedoch aus der Bildungsforschung, dass Jungen es im allgemeinen schwerer haben, zu ihrer Erzieherin/Lehrerin eine positive Beziehung aufzubauen. Besondere pädagogische Aufmerksamkeit im Kindergarten- und im Grundschulalter brauchen Jungen, wenn zwischen ihnen und den pädagogischen Fachkräften bzw. Lehrkräften der Schule nicht nur die Geschlechterdifferenz besteht, sondern weitere Aspekte des Fremdheitsempfindens, wie Unterschiede in der Kultur, Sprache und/oder Religion hinzukommen. Auch Armut kann die Differenz vergrößern. Zudem haben Jungen die stärkere Tendenz, sich in Subgruppen mit Freunden mit ähnlichen Interessen zusammenzuschließen. Im negativen Fall kann dies zu einer Abkopplung von der Bildungsgemeinschaft (Kindergartengruppe, Schulklasse) führen. Wenn sich ein Gefühl der Zugehörigkeit nicht entwickeln kann oder verloren geht, besteht die Gefahr eines allmählichen Ausstieges aus den Lernprozessen und letztendlich aus dem Bildungssystem. Diese Gefahr scheint mir für Jungen größer zu sein.

Autorin

Renate Niese, Diplom-Psychologin, bis 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Staatsinstitut für Frühpädagogik in München.

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Renate Niesel
Staatsinstitut für Frühpädagogik
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Erstellt am 27. Juni 2003, zuletzt geändert am 19. Mai 2015