Lieder von der CD statt Live-Gesang? Zur Auswahl und zum Einsatz von Liedaufnahmen zum Mitsingen

Prof. Dr. Julia Lutz
Lutz Julia

In großer Zahl und bunter Vielfalt erhältlich, häufig im Einsatz, aus Kinderzimmern, Kindertageseinrichtungen und aus vielen Grundschulklassenzimmern kaum wegzudenken: CDs mit Liedern, die zum (Mit)Singen auffordern wollen. Das Spektrum reicht von traditionellen Kinderliedern bis hin zu fetzigen Songs im Popstil. Nicht nur das Angebot ist breit gefächert, sondern auch die Qualität variiert erheblich. Dieser Beitrag möchte zu einer bewussten Auswahl geeigneter Aufnahmen und zu einem reflektierten Umgang mit Mitsing-CDs anregen.

Kritische Ohren erwünscht!

CDs mit Liedaufnahmen werden von vielen pädagogischen Fachkräften und Eltern dankbar angenommen und gerne eingesetzt – als Impuls zum Mitsingen ebenso wie als musikalische Kulisse nebenbei. Die Frage nach der Qualität dieser CDs erübrigt sich oftmals; gehört wird, was verfügbar ist. Außer CDs können das auch andere Formen von Audio-Aufnahmen wie etwa MP3-Dateien sein, auf welche die folgenden Ausführungen ebenfalls zutreffen. Die Beschaffenheit der Aufnahmen variiert stark, es werden von Kindern gesungene ebenso wie von Erwachsenen präsentierte Lieder angeboten, solistische Aufnahmen ebenso wie Chorgesang, mit akustischen Instrumenten begleitete Lieder und solche mit computergeneriertem Begleitsound, und dies qualitativ auf sehr unterschiedlichen Niveaus.

Die Frage nach der Qualität ist jedoch nicht nur durchaus berechtigt, sondern erscheint unverzichtbar vor dem Hintergrund der sich immer wieder bestätigenden Feststellung, dass der Markt an Audiomedien für Kinder neben gelungenen Aufnahmen auch viele CDs zum (Mit)Singen bietet, die den Kindern besser nicht zu Gehör kommen sollten. Kritische Ohren sind bei der Auswahl von Liedaufnahmen also unverzichtbar!

Aufnahmen zum Mitsingen: Chancen und Grenzen

Warum kommen beim Singen in Kindertagesstätten wie auch in Grundschulen und in vielen Familien CD-Aufnahmen und MP3-Hörbeispiele zum Einsatz? Pädagogen und Eltern, die ihre Stimme beim Singen eher mit Vorsicht einsetzen, verwenden Liedaufnahmen gerne alternativ zum eigenen und oftmals mit Unsicherheit und Bedenken bezüglich der Vorbildfunktion verbundenen Liedvortrag, um den Kindern einen klanglichen Eindruck von einem neu zu erlernenden Lied zu vermitteln. Vom Tonträger kann ein Lied als Ganzes oder abschnittsweise beliebig oft abgespielt werden. Darüber ist es möglich, den Kindern einen „peppigen“ Sound zu bieten, den eine Person allein mit ihrer Stimme und möglicherweise einem Begleitinstrument nicht realisieren kann. Und überall dort, wo Erwachsene wenig mit Kindern singen, können durch Mitsing-CDs Sing-Anlässe geschaffen und Anregungen zum Singen angeboten werden.

Tonaufnahmen können und sollen allerdings nie als Ersatz für gut angeleitetes Singen dienen, weder als Hörbeispiel zum Mitsingen noch als beispielgebende Aufnahme, bei der die Kinder nur zuhören und nicht mitsingen. Auch wenn klanglich gelungene Aufnahmen zum Einsatz kommen: Von einem Tonträger abgespielter Gesang wird nicht die Begeisterung vermitteln, die eine Erzieherin, ein Lehrer oder Eltern beim Singen mit Kindern schaffen können, und es handelt sich bei der Verwendung eines Tonträgers mehr um ein Mitsingen als um gemeinsames Zusammen-Singen. Darüber hinaus ist das Tempo der Aufnahmen nicht flexibel an die konkrete Sing-Situation anpassbar, und da ein Lied vom Tonträger meist als Ganzes gehört wird, besteht die Gefahr des Durchsingens. Die Kinder singen das Lied vielfach wiederholt, wenig abwechslungsreich, und schwierigen Stellen wird keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Kinder in der heutigen Zeit mit Popmusik und deren charakteristischem Sound aufwachsen (vgl. Simon, 2011, S. 188), viele CDs mit Kinderliedern genau diesen vertrauten Klang aufgreifen und die Möglichkeit des Singens mit Begleitung auf akustischen Instrumenten vielen Kindern nicht gegeben ist, sollte der Einsatz von Liedaufnahmen gut überlegt und begründet erfolgen.

Kriterien zur Auswahl von Liedaufnahmen

Wenn CDs und MP3-Beispiele genutzt werden, dann sollte dieses Tonmaterial so hochwertig wie möglich und die getroffene Auswahl stimmig sein. Das erfordert aufmerksame Ohren, eine kritische Reflexion des Gehörten und eine bewusste Entscheidung, ob die Verwendung der jeweiligen Aufnahme lohnenswert erscheint. Folgende Fragen bieten Orientierung:

  • Ist der Gesang so beschaffen, dass er den Kindern als Vorbild dienen kann?
  • Erscheint die Begleitung stimmig?
  • Ist der Gesamteindruck der Aufnahme ansprechend?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden und um zu entscheiden, ob das Anschaffen einer neuen CD sich lohnt bzw. ob eine vorhandene Aufnahme wirklich den Kindern zu Ohren kommen soll, können die folgenden Kriterien herangezogen werden.

Gesang

  • Besetzung: Singen Kinder oder Erwachsene, möglicherweise auch gemeinsam oder im Wechsel, solistisch oder als Gruppe?
  • Tonlage: Ist die gewählte Tonlage für Kinderstimmen günstig und nicht – wie leider oftmals der Fall – zu tief? Zur Orientierung: Der Tonraum von e1/f1 bis d2/e2 eignet sich gut für Kinder im Vorschulalter, im Laufe der Grundschulzeit erweitert sich der Umfang der Kinderstimme so, dass sich für das Singen der Bereich zwischen etwa c1/d1 und e2/f2 anbietet (vgl. Arnold-Joppich 2015, S. 108; Ernst 2008, S. 13; Mohr 2008, S. 9).
  • Intonation und Textverständlichkeit: Ist die Melodie sauber gesungen und ist der Text verständlich?
  • Stimmklang: Handelt es sich um einen natürlichen Stimmklang oder um einen eher für den Bereich der Popmusik charakteristischen Klang? Gibt es Besonderheiten oder Auffälligkeiten hinsichtlich des Klangs?

Das Spektrum reicht von Einspielungen, auf denen Kinder intonationssicher, gut verständlich und wirklich vorbildlich mit einem für ihr Alter angemessenem Lied zu hören sind, bis hin zu Beispielen, die mit vielen Fragezeichen verbunden sind. Kann eine Opernsängerin, die Kinderlieder wie „Der Kuckuck und der Esel“ oder „Alle Vögel sind schon da“ im Stile einer Opernarie präsentiert, Kinder zum (Mit)Singen motivieren? Wo liegt der Nutzen einer Liedeinspielung von einer Gruppe an Kindern, die vor der Aufnahme hörbar wenig Singerfahrung sammeln konnten und deren Gesang weder homogen noch verständlich ist und kaum als Gesang bezeichnet werden kann? Hat das von einem Erwachsenen mit hauchiger Stimme im Pop-Stil gesungene traditionelle Kinderlied Vorbildfunktion?

Begleitung

  • Instrumente und Stil der Begleitung: Sind akustische Instrumente, E-Instrumente mit elektrischer Tonabnahme oder elektronische Instrumente zu hören? Oder beschränkt sich die Begleitung auf Sounds, die am Computer produziert wurden? Passen sowohl die Instrumente als auch der Stil der Begleitung zum Lied? Während computergenerierte Sounds mit stampfenden Beats als Begleitung zu seit Generationen gesungenen Kinderliedern alles andere als angemessen sind, hat die Begleitung eines pfiffigen Liedes aus dem Bereich der neueren Kindermusik durch eine Band durchaus Berechtigung. Auch mit Orff-Instrumenten lassen sich originelle Begleitungen spielen, deren besonderer Reiz darin liegt, dass die Kinder sie nachspielen oder selbst ähnliche Begleitformen entwickeln können.
  • Begleitung als Unterstützung des Gesangs: Unterstützen die Instrumente den Gesang, drängen sie sich nicht zu sehr in den Vordergrund? Steht die Lautstärke von Begleitung und Gesang in einem stimmigen Verhältnis? Ist das Tempo so gewählt, dass Kinder problemlos mitsingen können? Passen Vor-, Zwischen- und Nachspiele zum Lied und vermitteln sie einen klaren Impuls, wann der nächste Einsatz der Singstimme erfolgt?
  • Falls es sich um ein Playback handelt: Ist das Playback so gestaltet, dass es zum Mitsingen auffordert? Ist klar zu erkennen, wann der Gesang einsetzt und wann eine neue Strophe beginnt, z. B. durch die instrumental gespielte Liedmelodie?

Gesamteindruck

  • Gesamtklang: Ist der Gesamtklang ansprechend?
  • Motivationsfaktor: Motiviert die Liedeinspielung zum Anhören, Mitsingen oder zum Selbst-Singen?
  • Mögliche Kompensation defizitärer Aspekte: Ist die nicht durchgängig zufriedenstellende Textverständlichkeit oder die nicht optimale Balance von Gesang und Begleitung bei einer ansonsten ansprechenden Aufnahme Grund dafür, diese zur Seite zu legen? Oder kann dieses Hörbeispiel beim Singen mit Kindern dennoch gewinnbringend eingesetzt werden – etwa mit dem Ziel „Unser Text ist besser zu verstehen als jener auf der CD“? Dass bei einer mit offenen und kritischen Ohren gehörten Aufnahme bezüglich aller Kriterien Stimmigkeit festzustellen ist, kommt selten vor. Daher ist vor allem wichtig, dass die für den jeweiligen Zweck und die Zielgruppe besonders entscheidenden Fragen positiv beantwortet werden können und der Einsatz der Aufnahme begründet erfolgt – insbesondere dann, wenn bei bestimmten Kriterien Abstriche gemacht werden müssen.

Unterschiedliche Interessen und Sichtweisen

Bei der Beschäftigung mit Liedaufnahmen und beim Nachdenken, inwieweit sich diese für das Singen mit Kindern eignen, kann es durchaus bereichernd sein, einmal einen Blick auf die Seite derer zu werfen, welche die Aufnahmen produzieren und anbieten. Für Pädagogen und Eltern sollte ein möglichst hoher musikpädagogischer – und damit verbunden auch ein hoher musikalisch-künstlerischer – Anspruch der Liedeinspielung an erster Stelle stehen. Für die Verlage und CD-Labels als Anbieter von Liedaufnahmen ist das nur eine von zwei Seiten. Sie fragen auch – und vermutlich oft: zunächst – nach der Wirtschaftlichkeit des Produkts. Ein Produkt ist dann gut, wenn sich damit möglichst hohe Gewinne erzielen lassen. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass es nicht immer einfach ist und auch oftmals nicht gelingt, diese beiden sehr unterschiedlichen Seiten und die damit verbundenen Interessen sinnvoll miteinander zu vereinbaren.

Der Wunsch, Käufern von musikalischen Medien für Kinder Anhaltspunkte bei der Auswahl zu bieten und einen Beitrag zur Qualitätssicherung zu leisten, war eine entscheidende Motivation, den Medienpreis LEOPOLD des Verbands deutscher Musikschulen (VdM) zu initiieren. Seit 1997 wird er im Turnus von zwei Jahres als erstes Qualitätszeichen auf dem für Kinder vorgesehenen Audiomedienmarkt an „Gute Musik für Kinder“ vergeben, an Musikproduktionen, die „kindgerecht, fantasievoll, handwerklich gut gemacht und im letzten von künstlerischer Qualität“ (von Gutzeit, in der Jubliäumsbroschüre „20 Jahre Gute Musik für Kinder“, 2014, S. 4) sind. Mit diesem Preis wird ein deutliches Zeichen für qualitativ hochwertige Tonträger mit Musik für Kinder gesetzt, darunter nicht nur CDs mit Liedaufnahmen zum Anhören und Mitsingen, sondern auch Hörspiele, Hörbücher, musikalische Geschichte, Märchen, kindgerechte Präsentationen von musikalischen Werken und mehr.

Letztendlich bleibt nochmals zu betonen und zu wünschen, dass alle diejenigen, die Kindern Liedaufnahmen anbieten, ihre Auswahl reflektiert treffen und dass sie durch entsprechende Hörbeispiele bei den Kindern – und möglicherweise auch bei anderen Erwachsenen – Bewusstsein und Wertschätzung für gelungene Aufnahmen von Kinderliedern schaffen können.

Literatur

  • Arnold-Joppich, H. (2015). Umgang mit der Kinderstimme – „Stimm-Bildung“. In M. Fuchs (Hrsg.), Musikdidaktik Grundschule. Theoretische Grundlagen und Praxisvorschläge (S.106-119). Rum / Innsbruck u. a.: Helbling.
  • Ernst, M. (2008). Praxis Singen mit Kindern. Lieder vermitteln, begleiten, dirigieren. Rum / Innsbruck u. a.: Helbling.
  • Mohr, A. (2008). Lieder, Spiele, Kanons. Stimmbildung in Kindergarten und Grundschule. Mainz u. a.: Schott.
  • Simon, S. (2011). Singen in der Gesellschaft – Spannungsfelder und Konzepte. In H. Arnold-Joppich u. a. (Hrsg.), Singen in der Grundschule. Ein Lehr- und Übungsbuch für die Praxis (S. 188-195). Rum / Innsbruck und Esslingen: Helbling.
  • VdM Verband deutscher Musikschulen e. V. (Hrsg). (2014). Medienpreis LEOPOLD. 20 Jahre Gute Musik für Kinder. Bonn: VdM Verlag.

Weitere Beiträge der Autorin hier in unserem Familienhandbuch

Autorin

Dr. Julia Lutz ist Juniorprofessorin für Musikpädagogik / Musikdidaktik mit Schwerpunkt Grundschule an der Folkwang Universität der Künste Essen und Lehrbeauftragte am Institut für Musikpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

eingestellt am 23. November 2016