Sprache lernen und Bewegung

Elisabeth C. Gründler

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Das Erlernen von Sprache beginnt in der Schwangerschaft und ist zunächst ein körperlich-physischer Prozess. Warum das Sprechen mit dem Säugling vom ersten Lebenstag an wichtig ist und welche Bedeutung körperliche Bewegung und konkrete Handlungen beim Erlernen der Sprache haben, wird in diesem Artikel dargestellt.

„Tschüss! Winke, winke!”, verabschiedet sich der Vater von seiner acht Monate alten Tochter Annika und winkt ihr zu. Die Geste, die in dieser Situation das Sprechen begleitet, ist eindeutig. Annika lacht, hebt den Arm und öffnet und schließt ihre Hand. Sie hat diese Situation schon Dutzende Male erlebt und freut sich, dass sie mittun kann. Vor sechs Wochen hat sie, zur Freude ihrer Eltern, zum ersten Mal versucht, das Winken nachzuahmen und ist inzwischen immer geschickter geworden. In wenigen Monaten, vielleicht auch erst in einem oder anderthalb Jahren, wird sie versuchen, das dazugehörige Wort auszusprechen. Auch wenn sie das Sprechen schon gut beherrscht und sich verbal verabschieden kann, so wird die Geste doch ein wichtiges Element des Abschiedsrituals bleiben: Im Kindergarten zum Beispiel, wenn sie in den ersten Tagen schweren Herzens ihre Mutter gehen lässt. Als Erwachsene wird sich Annika nur noch in Ausnahmefällen, bei besonderen Anlässen, z.B. einer Reise mit dem Zug oder dem Auto mit Winken verabschieden. Dann verwenden auch Erwachsene noch dieses körperliche Signal, besonders, wenn die Entfernung oder Geräusche eine verbale Verständigung nicht mehr zulassen. „Bye, bye!”, sagt der amerikanische Vater zu seinem Kind. Das Wort ist ein anderes, doch die Geste ist die gleiche.

Sprechen mit dem Baby

Sprache ist zuerst ein körperlicher Vorgang. Sprache lernen beginnt im siebten Schwangerschaftsmonat. Dann ist das Gehör des Fötus soweit ausgebildet, dass er Laute zu unterscheiden vermag. Auf diese Laute – sprachwissenschaftlich: „Phoneme” – reagiert das Ungeborene mit winzigen Muskelbewegungen, kaum erkennbar für das Auge. Diese Muskelbewegungen als Reaktion auf sprachliche Laute sind nicht nur kulturell, sondern auch individuell sehr unterschiedlich, vergleichbar mit Fingerabdrücken. Ein Neugeborenes kommt also bereits mit einem einzigartigen körperlichen Bewegungsmuster auf die Welt, das sich als Reaktion auf sein Erleben von Sprache herausgebildet hat. Seine Mutter und die übrigen Erwachsenen werden sofort anfangen, mit ihm zu sprechen. „Was für ein Quatsch”, denkt vielleicht ein distanzierter Beobachter, „das Baby kapiert ja noch gar nichts”. Es ist durchaus noch nicht wissenschaftlich geklärt, was ein Säugling versteht. Neueste Untersuchungen belegen, dass er mehr versteht, als man bisher angenommen hat. Sicher ist, dass ein Säugling die emotionale Färbung von Sprache versteht und dass die liebevolle Zuwendung, die in dem Sprechen seiner Eltern zum Ausdruck kommt, genauso braucht, wie deren körperliche Nähe.

Ein in Frankreich entstandener Zweig der Psychoanalyse, die Säuglingspsychoanalyse, in Deutschland bekannt geworden durch Caroline Eliacheff, hat gezeigt, dass Säuglinge, die traumatische Verluste erlitten hatten, auf das klare Aussprechen dieses Verlustes positiv reagierten. Sie erholten sich von schweren Krankheiten, z.B. einer bedrohlichen Lungenentzündung, bei denen eine medikamentöse Behandlung keinen Erfolg mehr hatte.

Konkretes Sprechen unterstützt den kindlichen Lernprozess

Auf welche Art und Weise Babys Sprache verstehen können, ist noch nicht geklärt. Wissenschaftlich gesichert ist, dass das alltägliche Sprechen der Eltern mit ihrem Baby eine notwendige Voraussetzung für das Sprechen lernen ist. Die Bewegungsmuster des Kindes als Reaktion auf die Erfahrung von Sprache festigen und verfeinern sich dadurch. Mit etwa acht Wochen fängt das Baby zu gurren und zu lallen und ist damit, wenn es wach und satt ist, meist längere Zeit beschäftigt. Auch dies ist eine Stufe, um das Sprechen zu meistern. Das Baby übt spielerisch und aus eigenem Antrieb das Zusammenspiel von Stimme, Kehlkopf, Zunge und Lippen. Beim erwachsenen Menschen sind beim Sprechen allein im Gesicht 86 Muskeln beteiligt. Ohne das frühe, eigenständige und lustvolle Üben, ohne das ständige Sprechen der Erwachsenen mit dem Kind, das ihm die Sprach- und Lautmodelle liefert, würde es nicht mit zehn, zwölf oder 15 Monaten sein erstes „Mama” oder „Auto” hervorbringen. Kinder, die taubstumme Eltern haben, brauchen andere, sprechende Erwachsene in ihrer Umgebung, um das Sprechen zu erlernen. Je konkreter der Erwachsene spricht, je eindeutiger die Gesten sind, die sein Sprechen begleiten, umso leichter wird das Kind verstehen. “Sagen was man tut und tun was man sagt”, lautet eine einfache Regel. Werden die alltäglichen Handlungen, die das Kind erlebt, z.B. beim Baden, Füttern und Wickeln, von konkretem Sprechen begleitet, lernt das Kind zu verstehen, noch lange bevor es selbst in der Lage ist, Worte zu artikulieren.

In seinen ersten neun Lebensjahren begreift das Kind nur solche Sprache, die an konkrete Handlungen gekoppelt ist. Ein Zweijähriges, das man bittet, das Wort „Hand” auszusprechen, wird immer auch seine Hand bewegen. Das bedeutet für Eltern, dass sie sich umständliche, abstrakte Erklärungen sparen können. Es sind Wortgebilde, die beim Kind nicht ankommen. Einem Zweijährigen an der Ampel etwas von roten und grünen Männchen und von Unfallgefahren erzählen, nützt ihm zum Verständnis der Situation nichts. Dem Erwachsenen gibt es vielleicht das Gefühl, mit der Verkehrserziehung rechtzeitig angefangen zu haben. Dem Kind jedoch genügt es völlig, wenn die Mutter sagt: „Wenn wir über die Straße gehen, nehme ich Dich an die Hand” und dies dann auch tatsächlich tut. Mit zunehmender Reife wird das Kind die Komplexität der Situation begreifen und auch die Signalsprache einer Ampel entschlüsseln lernen.

Die zweijährige Kathrin soll einen Anorak anziehen, denn es geht, wie jeden Morgen zur Tagesmutter. Doch Kathrin weigert sich, weil draußen die Sonne scheint und sie außerdem im besten Trotzalter ist. Kathrins Mutter weiß, dass es um acht Uhr morgens auf dem Fahrrad noch empfindlich kühl ist. Doch sie spart sich theoretische Ausführungen über frühsommerliche Temperaturen, verzichtet auf Diskussion und Machtkampf und steckt den Anorak in die Tasche. Kathrins Mutter vertraut darauf, dass ein bisschen Frieren noch nicht gleich Schnupfen und Lungenentzündung bedeuten, und sie kann nach der Erfahrung der letzten drei Tage ziemlich sicher vorhersagen, an welcher Stelle des Weges, vom Kindersitz des Fahrrades Kathrins klägliches “Mir ist kalt!” ertönen wird. Ihre konkrete Sinneserfahrung kann Kathrin bereits sprachlich gut ausdrücken. Und da die Mutter vorgesorgt hat, ist Abhilfe leicht zu schaffen: Sie stoppt die Fahrt mit dem Fahrrad und hilft Kathrin den Anorak anzuziehen. Kathrin erlebt auf diese Weise die Wirksamkeit ihres Sprechens: Sie hat ihre Erfahrung ausgedrückt, das Empfinden von Kälte, und kann den Sinn des Anziehens unmittelbar erfahren. Kathrin ist Akteurin. Sie erlebt, wie sie durch ihr Sprechen Einfluss nehmen kann auf die Welt. Ihr Erfolg ermutigt und motiviert sie, das Sprechen weiter zu üben und es auf diese Weise zu lernen.

Fernsehkonsum stört den kindlichen Sprachlernprozess

Das konkrete Sprachverständnis der Kinder ist der Grund dafür, dass das Fernsehen keinen Beitrag zur kindlichen Sprachentwicklung zu leisten vermag. Die schnell wechselnden Bildfolgen haben nichts mit einer konkreten Handlung gemein, von der allein das Kind sein Sprechvermögen entwickeln kann. Es ist heute unbestritten, dass Fernsehkonsum das Lernen von Sprache behindert. Durch täglich mehrstündigenFernsehkonsum derFamilien geht das direkte Sprechen miteinander zurück, die direkte Kommunikation unter den Familienmitgliedern nimmt ab. Auf diese Weise erhalten die Kinder weniger Modelle konkreter Sprachhandlungen. Damit sinken auch ihre Lernmöglichkeiten für die Muttersprache. Auch die Bewegungslosigkeit, in die die Kinder vor dem Bildschirm gebannt sind, behindert den Lernprozess.

Sprache ist ein komplexes, lebendiges Gebilde. Sie dient der Koordination des menschlichen Sozialgefüges und hat dem Menschen einen evolutionären Vorteil vor allen anderen Lebewesen verschafft. Kinder, die wach sind, sind eigentlich immer in Bewegung. Diesem Bewegungsdrang genügend Raum zu schaffen, ist die Verantwortung der Erwachsenen. Ohne körperliche Bewegung ist Sprache-lernen nicht möglich. Liebevolle Zwiegespräche, Fingerspiele, Singen, Tanzen und das Erzählen von Geschichten sind der Boden, auf dem sich die sprachliche Intelligenz des Kindes entfalten kann. Eltern und ErzieherInnen, die trotz neuer Medien an diesem Kulturerbe festhalten, schaffen damit die beste Grundlage für eine gesunde Sprachentwicklung ihrer Kinder.

Literatur

Elisabeth C. Gründler (2008): Rohstoff Intelligenz, Berlin.

Weitere Beiträge der Autorin hier in unserem Familienhandbuch

Autorin

Elisabeth C. Gründler
Freie Journalistin

Prinzregentenstraße 69a

10715 Berlin

Erstellt am 2. Mai 2002, zuletzt geändert am 28. Oktober 2013