Wer, zum Kuckuck, ist der Vater?

Dr. Christine Geserick
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Zur aktuellen Debatte über “Kuckuckskinder” und Vaterschaftstests

Ungeklärte Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Kindern und ihren Vätern sind keine Erscheinung der neueren Geschichte. In heutiger Zeit rückt das Thema jedoch immer mehr ins öffentliche Interesse. Vaterschaftsfragen von Prominenten und weniger prominenten Nachmittagsgästen in Talkshows beschäftigen die Medien. Seit die wissenschaftliche Bestimmung genetischer Abstammung mit immer weniger Aufwand und Kosten verbunden ist, wollen sich viele Familien und vor allem Väter Gewissheit verschaffen und beauftragen private Vaterschaftslabors mit der Klärung ihrer Verwandtschaftsverhältnisse. Im Folgenden sind das Sachbuch “Kuckucksfaktor” über Vaterschaft und Kuckuckskinder sowie weitere Recherchen zum Thema zusammengefasst.

Ein Mann erfährt plötzlich, nicht der biologische Vater “seines” Kindes zu sein. Seine Geschichte, aber auch der umgekehrte Fall von neu entdeckter Vaterschaft im Alter von 50 Jahren sowie weitere Beispiele aus Betroffenensicht werden im kürzlich erschienenen Sachbuch “Kuckucksfaktor” dargestellt. Das Buch bietet eine Zusammenschau zum Thema Vaterschaft und Kuckuckskinder, herausgegeben von der Biologin Hildegard Haas und dem Mediziner Claus Waldenmaier, die als Vorreiter in der Durchführung der privaten Vaterschaftsanalyse gelten. Zusammen mit fünf weiteren AutorInnen arbeiten sie Geschichte, evolutionsbiologische Ursachen der so genannten “Vaterschaftslüge” sowie rechtliche und psychische Folgen für die betroffenen (Nicht-)Väter, Kinder und Mütter auf.

Stammbaum als Familiengeheimnis?

Mit Blick auf psychotherapeutische Erkenntnisse, v. a. aus dem Bereich der Familienaufstellungen, motivieren die AutorInnen die Betroffenen zur Klärung unbestimmter Verwandtschaft zwischen Vater und Kind. Sie ermutigen Mütter, eventuell lang bewährte Familiengeheimnisse aufzuklären. Sei auch das Aufdecken der Wahrheit für alle Beteiligten zunächst schmerzlich, würde es in der Folge meist als befreiend erlebt, “es” endlich sagen zu können. Man geht von einer unbewussten Ahnung jener Kinder aus, denen verschwiegen wird, dass es neben ihrem sozialen Vater noch einen anderen, biologischen Vater gibt. Diese Unsicherheiten können sich in somatischen Erkrankungen niederschlagen aber auch in typischem “Such-Verhalten” , welches sich in häufigen Wohnungswechseln oder ständigen und langen Reisen ausdrücken kann.

Kuckuckskind:
"Abgeleitet vom Kuckuck, der seine Eier in fremde Nester legt und sie dann von anderen Singvögeln ausbrüten lässt, umschreibt der Begriff Kuckuckskind ein - meist in einem Seitensprung gezeugtes - Kind, dessen Vater ein anderer ist als derjenige, den die Mutter zum Partner hat. Von einem Kuckuckskind wird aber nur dann gesprochen, wenn die wahre Vaterschaft verheimlicht wird. Der juristische Begriff lautet 'Kindesunterschiebung' ". (Buchauszug aus "Kuckucksfaktor", S. 275)

Aktuelle Zahlen

Haas & Waldenmaier nennen als Zahlen, dass weltweit jährlich 800.000 Vaterschaftstests durchgeführt werden, 250.000 davon in den USA. In Deutschland und Österreich kann solch ein Test schon ab 200 Euro in Auftrag gegeben werden. Nach Schätzungen aus ihrem eigenen und anderen Vaterschaftslabors geben die AutorInnen an, dass etwa 25 % der Väter, die einen Test beantragen, mit ihren Zweifeln richtig liegen und nicht die biologischen Väter sind. Für Deutschland und Österreich schätzt man, dass 10 % der Kinder nicht wissen oder ihnen verheimlicht wird, wer ihr biologischer Vater ist.

Vaterschaftstests – die aktuelle Debatte in Deutschland

Der sichere und günstigere Zugang zu DNA-Tests für Privatpersonen ruft aber auch wachsende Unsicherheiten in der Bevölkerung hervor, die nach rechtlicher Klärung verlangen. In Deutschland hat deshalb der Bundesgerichtshof am 12. Januar 2005 entschieden, dass Vaterschaftstests, die ohne die Einwilligung der Mutter durchgeführt wurden, nicht mehr als Beweismittel vor Gericht angeführt werden dürfen, da sie in das Selbstbestimmungsrecht über persönliche Informationen von Mutter und Kind eingreifen. Für Männer ist es nach diesem Urteil sehr schwierig geworden, im Verdachtsfall ihre Vaterschaft anzufechten.

DNA-Tests-Ermittlung einer Vaterschaft
Die chemischen Bausteine eines DNA-Moleküls setzen sich bei jedem Menschen in einer individuellen Reihenfolge aneinnander (Sequenz), nur bei eineiigen Zwillingen ist das Muster identisch. Das Genmaterial kann recht einfach gewonnen werden. Zum Test können Schnuller, Zigarettenstummel, Haare oder ein getragenes Uhrenarmband abgegeben werden. Es handelt sich aber nicht um einen Gentest (im Sinne einer Erbgutanalyse), sondern es wird lediglich der genetische Fingerabdruck, ein Muster, untersucht.

Die chemischen Bausteine eines DNA-Moleküls setzen sich bei jedem Menschen in einer individuellen Reihenfolge aneinander (Sequenz), nur bei eineiigen Zwillingen ist das Muster identisch. Das Genmaterial kann recht einfach gewonnen werden. Zum Test können Schnuller, Zigarettenstummel, Haare oder ein getragenes Uhrenarmband abgegeben werden. Es handelt sich aber nicht um einen Gentest (im Sinne einer Erbgutanalyse), sondern es wird lediglich der genetische Fingerabdruck, ein Muster, untersucht.

Eine Umfrage des Instituts für Demographie in Allensbach hatte dazu Mitte März 2005 erhoben, dass die deutsche Bevölkerung nur wenig mit diesem Urteil sympathisiert: 67 % der Männer und 55 % der Frauen stimmen in der Repräsentativumfrage der folgenden Aussage zu: “Diese Entscheidung benachteiligt Männer zu stark. Männer müssen die Chance haben, ihre Vaterschaft heimlich, also ohne das Wissen und die Einwilligung der Mutter überprüfen zu lassen, wenn sie Zweifel daran haben” (Allensbacher Bericht Nr. 2/2005).

Gleichzeitig wird generell darüber debattiert, ob ein “heimlicher “Vaterschaftstest, d. h. beispielsweise die Einsendung einer Speichelprobe des Kindes an ein Vaterschaftslabor ohne Einwilligung der Mutter generell unter Strafe gestellt werden soll. Die deutsche Bundesjustizministerin Zypries legte einen Gesetzesentwurf vor, der Väter und Vaterschaftslabors im Falle heimlicher Testung mit Haftstrafen von bis zu einem Jahr belegen will. Gegner des Verbots heimlicher Tests befürchten, dass Vaterschaftsfragen fortan immer vor Gericht ausgetragen werden, und damit auch jene, die im verheimlichten Fall von der Mutter unentdeckt geblieben wären und den Familienfrieden nicht unnötig gefährdet hätten.

“Heimlich” auch in Österreich

Haas & Waldenmaier vergleichen auch die rechtlichen Unterschiede im deutschsprachigen Raum: Anders als z. B. in der Schweiz ist in Österreich der” heimliche” Vaterschaftstest generell erlaubt. Da bei heimlich durchführten Tests die Herkunft der eingeschickten Proben nie ganz eindeutig ist, besteht keine “unmittelbare Gerichtsverwertbarkeit” der Ergebnisse. Das bedeutet, es mag sein, dass sie im Einzelfall vor Gericht nicht als Beweismittel dienen. Andererseits wurde bislang keine Klage abgelehnt, die auf Grund eines heimlichen Tests eingereicht wurde. Auch eine generell rechtliche Regelung von “heimlichen” Tests fehlt bislang. Ein Vaterschaftstest darf auch ohne die Zustimmung der betroffenen Personen in Auftrag gegeben werden. Seit dem Jahr 2004 dürfen übrigens auch Kinder eine Vaterschaft anfechten. Dieses Recht war vorher auf den Vater bzw. Ehemann und den Staatsanwalt beschränkt. Im Unterschied zur Schweiz und zu Deutschland hat eine österreichische Mutter aber kein Anfechtungsrecht in Bezug auf eine rechtlich gültige Vaterschaft.

Literatur

Hildegard Haas, Claus Waldenmaier (Hrsg.): Der Kuckucksfaktor. Raffinierte Frauen? Verheimlichte Kinder? Zweifelnde Väter? Gennethos Verlag. Prien 2004. ISBN 3-938321-00-8

Quelle

“beziehungsweise” Ausgabe 06/2005, Informationsdienst des Österreichischen Instituts für Familienforschung an der Universität Wien, S. 1 – 3

Übernahme mit freundlicher Genehmigung

Autorin

Dr. Christine Geserick M.A.
Soziologin am Österreichischen Instituts für Familienforschung an der Universität Wien

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Erstellt am 11. Mai 2005, zuletzt geändert am 30. September 2013