Scheidung vom Kind? – Warum Scheidungsväter keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben

Dr. Mariam Irene Tazi-Preve

Der Anteil der Väter, der nach einer Scheidung oder Trennung keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern hat, ist Studien zufolge relativ hoch. Auf gesellschaftlicher und medialer Ebene findet eine stark polarisierte Debatte statt, in der die Schuldzuweisung entweder an die “den Kontakt verhindernde Mutter” oder den “die Kinder verlassenden Vater” erfolgt. Das Anliegen der am Österreichischen Institut für Familienforschung durchgeführten Studie ist es, einen differenzierten Beitrag zur Komplexität der Ursachen und Beweggründe dieses “individuellen Dramas” zu leisten. Der Beitrag stellt Ergebnisse der unter dem Titel “Väter im Abseits” veröffentlichten Studie vor.

Die umfassende Beschäftigung mit der Themenstellung macht klar, dass es nicht vorrangig um die Fragestellung geht, warum der Kontakt zwischen Vater und Kind abgebrochen wird, sondern viel eher um die Frage, warum der Kontakt nach einer Scheidung oder Trennung nicht mehr weiter aufrechterhalten werden kann. Eine zahlenmäßige Erfassung der betroffenen Väter ist für die vorliegende Studie nur eingeschränkt möglich. Für die analysierten statistischen Daten kann folgende zahlenmäßige Ausprägung des Kontaktabbruches angegeben werden: 40 % machen keine Angaben zur Frage des Kontaktes zu ihren getrennt lebenden Kindern. Von den verbleibenden getrennten bzw. geschiedenen Vätern geben 11 % an, keinen Kontakt mehr zu haben. Weitere 10 % haben mäßigen Kontakt zu ihren Kindern, nämlich zumindest einmal im Jahr ein persönliches Treffen. Wenn man davon ausgeht, dass der tatsächliche Anteil an kontaktabbrechenden Vätern damit weit höher liegt als aus dem Prozentsatz, der zur weiteren Auswertung herangezogen wurde (nämlich der o. a. 11 %), kann man von einer Schätzung ausgehen, in der sich die Zahlen an jene Werte angleichen, die für vergleichbare Studien bekannt sind, nämlich einer Abbruchsrate bis zu rund der Hälfte aller betroffenen Väter.

Dem Kontaktabbruch liegt keine übergreifende Ursache oder kein Ereignis als zwingender Auslöser vor, sondern vielmehr ist von unterschiedlichen Einflussfaktoren auszugehen. Diese sind wechselseitig ineinander verschränkt und beeinflussen in ihrem komplexen Zusammenspiel den Kontakt zwischen geschiedenen Vätern und ihren Kindern.

Zu den quantitativ messbaren Einflussfaktoren gehört der soziale Status, also die berufliche Stellung und das Bildungsniveau des Vaters. Väter, die über höhere Bildung bzw. eine leitende Stellung verfügen, verlieren seltener den Kontakt zu den Kindern. Auf den Umstand, dass die räumliche Distanz, die zwischen den Wohnorten von Vater und Kind liegen, eine Rolle beim Kontaktabbruch spielt, weisen zahlreiche Studien sowie die Ergebnisse der vorliegenden quantitativen Analyse für Österreich hin. Offen bleibt jedoch die Kausalität des Faktors Distanz. So kann der Vater auch gerade aufgrund des sich abzeichnenden Kontaktabbruchs einen weit entfernten Wohnort gewählt haben. Bestätigt haben sich zudem die auf die Literatur stützenden Annahmen, wonach mit der Dauer seit der Scheidung die Häufigkeit des Kontaktabbruchs zu- und mit dem Alter der Kinder zum Trennungszeitpunkt abnimmt.

Neben der Berücksichtigung der Wechselseitigkeit des Einflusses lassen sich kontaktfördernde und -hindernde Faktoren beschreiben. So stellt das Gelingen der Trennung von Paar- und Elternebene für geschiedene Partner eine gute Ausgangsposition für die zukünftig erforderliche Interaktion zwischen den Elternteilen zum Wohl des Kindes und damit für einen aufrechten Kontakt zum Vater dar.

Die Art der Bewältigung des Übergangs zur Elternschaft und die Qualität der Paarbeziehung, vor wie auch nach einer Trennung, stellen ein wesentliches Kriterium bei der Ausgestaltung der Elternschaft dar. Gelingt das Beibehalten einer guten Beziehungsqualität und die Kommunikation, so kann der Kontakt zum Kind optimal gestaltet werden. Der Abbruch des Vater-Kind-Kontakts kann in direktem Zusammenhang mit bestehenden Konflikten zwischen den Expartnern stehen. Da Paare in Trennung diese Krise in der Realität häufig schlecht bewältigen können, kommt es zu einer Vermischung der Paar- und Elternebene. Eine gezielte Unterstützung des Paares während des Trennungsprozesses bzw. eine Begleitung und ein Fokus auf das Kind können dieser Dynamik, die zu einem Kontaktabbruch zwischen dem Kind und dem getrennt lebenden Elternteil führen kann, entgegenwirken.

Ein Ereignis wie die neue Partnerschaft des Vaters oder der Mutter kann unterschiedlich wirken. Kinder aus vergangenen Beziehungen können für den neuen Partner/die neue Partnerin als “familienfördernd” oder als Konkurrenz erlebt werden. Die neue Partnerin des Vaters kann wiederum Ängste der Kindesmutter um ihre Position als Mutter bedeuten und das Bestreben, dem Vater das Kind vorzuenthalten, nach sich ziehen. Eine Krise kann ebenso beim Vater ausgelöst werden, wenn die Kindesmutter eine neue Partnerschaft eingeht. In dieser Situation spielt auch die väterliche Identität eine Rolle.

Auch das jeweils gelebte Vaterkonzept erweist sich als entscheidend für den Kontakt zum Kind nach einer Trennung. Wenn etwa die männliche Rolle des “Ernährers” nicht mehr gegeben ist und die weibliche Rolle der Beziehungsvermittlerin nicht mehr zur Verfügung steht, ist zum Gelingen der weiteren Vater-Kind-Beziehung die Entwicklung und Neuformulierung einer eigenen Identität als Mann und Vater unerlässlich. So scheint das Ausmaß der väterlichen Beteiligung nach einer Scheidung oder Trennung entscheidend von der Bedeutung beeinflusst zu werden, die der geschiedene oder getrennt lebende Vater seiner Rolle, seinem Status und seiner Kompetenz als Elternteil beimisst.

Aus den empirischen Studien ist das Mutterbild als so genannter” Mutter-Bonus “belegt. Da Mütter meist die Hauptlast der Kinderbetreuung tragen, wird ihnen vorrangig das Kind zugesprochen. Damit wird die Kindesmutter zur” Gatekeeperin “, die den Kontakt zum Vater begünstigen oder verhindern kann. Wenn die Mutter einen solchen nicht wünscht, hat der Vater wenig Aussichten, seine Bestrebungen nach Kontakthaltung durchsetzen zu können.

Besondere Bedeutung für die Gestaltung und Ausformung des Kontakts zwischen geschiedenen Vätern und ihren Kindern kommt auch den rechtlichen Regulierungen und dem Verlauf des Scheidungsprozesses zu. Häufig steht bei Vätern der Eindruck des Verlustes der väterlichen Kompetenz dabei in direktem Zusammenhang mit dem Gefühl einer strukturellen Benachteiligung durch das Rechtssystem gegenüber der Expartnerin. Wie die ExpertInneninterviews zeigen, können sich Gerichtsprozesse um Obsorge und Besuchsrecht als sehr langwierig gestalten. Wobei die lange Dauer des Verfahrens das Gegenteil der ursprünglichen Absicht bewirken kann: die Entfremdung und den völligen Kontaktabbruch von Vater und Kind.
 

Widersprüchliche Familienpolitik

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie die Tendenz zur Veränderung des Vaterbildes sowie politische Maßnahmen, die auf die Familialisierung von Vätern abzielen, erweisen sich in der Realität als wenig wirksam. Dieses Faktum hat tiefer liegende Ursachen. Die Verfasstheit von Familienpolitik unterliegt nämlich einer Idealvorstellung von Familie, die entlang strikter Geschlechtergrenzen verläuft und den Mann primär als Familienernährer und die Frau primär als Hausfrau und (potentielle) Mutter wahrnimmt.

Die Studie zeigt, dass Väter in das Spannungsfeld einander widersprechender struktureller Vorgaben und politischer und individueller Forderungen geraten. So ergibt sich auf der einen Seite ein Widerspruch daraus, dass die Sozialpolitik in ihren Grundzügen geschlechtsspezifisch konzeptioniert ist. Hinzu kommt, dass die am Arbeitsmarkt gestellten Anforderungen auf hohe Arbeitszeitflexibilität einer aktiven Teilnahme am Familienleben zuwiderlaufen. Auf der anderen Seite stehen Väter den medial und neuerdings familienpolitisch propagierten Forderungen nach sozialer Vaterschaft sowie den Wünschen der Partnerinnen nach aktiver väterlicher Teilhabe gegenüber. Auf der Ebene der Politik sind daher Unvereinbarkeiten festzumachen, die auch durch innovative politische Maßnahmen zur Väterförderung nicht grundsätzlich aufgehoben werden können.
 

Literatur

Tazi-Preve, Mariam Irene; Kapella, Olaf; Kaindl, Markus; Klepp, Doris; Krenn, Benedikt; Seyyed-Hashemi, Setara; Titton, Monica: Väter im Abseits. Zum Kontaktabbruch der Vater-Kind-Beziehung nach Scheidung und Trennung. Wiesbaden: DUV und VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-8350-7008-0.
 

Autorin

Dr. Mariam Irene Tazi-Preve

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Im deutschsprachigen Raum gibt es bislang kaum Studien, die sich mit den Ursachen und Hintergründen des Kontaktabbruchs von Vätern zu ihren Kindern nach Scheidung oder Trennung beschäftigen. Mit der am ÖIF der Universität Wien durchgeführten und als Buch” Väter im Abseits “veröffentlichten Studie wird diesem Themenkomplex Rechnung getragen. Auf der Metaebene werden zudem die vorherrschenden gesellschaftlichen Geschlechterbilder reflektiert und analysiert, wie eine Geschlechterpolitik in Österreich konzeptioniert ist, ob es also das Pendant zur” Mütterpolitik “als Väterpolitik überhaupt gibt. Methodisch wurden folgende Vorgangsweisen gewählt: Literaturrecherche, politische Analyse und deskriptive Darstellung rechtlicher Rahmenbedingungen. Der empirische Teil umfasst die Auswertung statistischer Daten (Mikrozensus 2001) und als qualitative Methode ExpertInneninterviews.
 

Quelle

Dieser Artikel erschien in beziehungsweise, Ausgabe 13/2007.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung durch:
Österreichisches Institut für Familienforschung
Grillparzerstr. 7/9
A – 1010 Wien

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Erstellt am 6. Februar 2008, zuletzt geändert am 31. Juli 2013