„Hörst Du mir eigentlich zu?“ – Warum Mütter, Väter und Kinder aneinander vorbeireden und was Eltern besser machen können

Dr. Johanna Graf

Foto-johanna-graf-focus4-209x300

Trotz Liebe und bester Absichten hat das, was Eltern ihren Kindern sagen, nicht immer die gewünschte Wirkung. Solche Missverständnisse können das Familienleben ganz schön schwer machen. Wie können Sie den typischen “Fallen” entgehen? Hier praxiserprobte Tipps aus der Werkzeugkiste des Elterntrainings “FamilienTeam”:

MYTHOS 1:

“Ich muss kämpfen und mich richtig anstrengen, um mir Respekt zu verschaffen und meine Kinder dazu zu bewegen, ihre Aufgaben zu erledigen.”

„Lass dass“, „Iss nicht mit den Fingern“, „Hör auf mit ihm zu streiten!“ Wir sprechen Verbote aus und sagen den Kindern, was sie nicht tun sollen.

„Machst Du jetzt endlich mal deine Hausaufgaben!“, „Wie oft habe ich dir schon gesagt…? “Wir stellen Fragen, die entweder nur Fragen (keine Aufforderungen) sind oder versteckte Vorwürfe.

„Wenn du nicht gleich aufstehst, kommst du zu spät in die Schule.“ – Wir wollen “informieren”, sprechen aber Drohungen aus.

Wer hat sich nicht schon bei ähnlichen – meist völlig wirkungslosen -Sätzen ertappt?

Oft sagen wir nicht das, was wir meinen, oder meinen nicht das, was wir sagen. Und sind dann enttäuscht oder ärgerlich, wenn die Kinder sich nicht so verhalten. wie wir es erwarten.

  • Die Kraft der positiven Bilder nutzen – positive Aufforderungen formulieren

Es ist für Kinder schwierig, selbst etwas “Erlaubtes” zu finden. Sie probieren alles Mögliche durch, was wir dann immer wieder verbieten müssen. Sagen Sie Ihrem Kind deshalb mit einfachen, klaren Worten, wie es die Dinge richtig machen kann. Kurz und positiv formuliert, damit es ein klares Bild davon hat,

z.B. “Hier hast du ein Papier zum Malen.”

  • Erst verstehen – dann verstanden werden

Frau Müller ruft (aus dem Wohnzimmer) ins Kinderzimmer: „Lea, Essen ist fertig!“ Keine Reaktion. Sie bittet: „Hallo Lea, magst du nicht zum Essen kommen?“ Nichts. „Hej, wird´s bald? Bist du taub? Das Essen ist fertig. Frau Müller wird wütend.

Was läuft hier schief? Lea baut gerade in ihrem Zimmer ein Lego-Schloss. Sie ist völlig vertieft. Erst der letzte wutschnaubende Satz ihrer Mutter dringt zu ihr durch. Mann, heute ist Mama aber wieder grantig, denkt sie. Ich spiel lieber weiter. Oftmals bemerken Eltern erst in unseren Trainings, dass Kinder in ihr Spiel/ ihre Arbeit vertieft, tatsächlich nicht mitbekommen, was wir von ihnen wollen. Wenn sie Ihr Kind beeinflussen möchten, ist es das Wirksamste, wenn Sie sich zunächst in seine Welt begeben und es dort abholen. Frau Müller könnte z.B. zu Lea gehen, staunen, was sie Schönes gebaut hat, und erst, wenn ein guter Kontakt hergestellt ist, ihr eigenes Anliegen vorbringen.


MYTHOS 2:

„Ich tue mich schwer mit dem Grenzen setzen, weil ich nicht konsequent genug bin.“

Das stimmt so nicht. Wir Eltern tun uns schwer mit dem Grenzen setzen, weil wir unsere Kinder lieben. Wenn Kinder etwas tun, was uns „eigentlich“ stört, gönnen wir ihnen die Freude. Bis uns dann doch der Geduldsfaden reißt. Achtsam mit den eigenen Grenzen umgehen, ist schon die halbe Miete beim Grenzen setzen.

 

MYTHOS 3:

„Mein Kind versteht erst, wo seine Grenzen sind, wenn ich es richtig schimpfe.“

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Je aufgebrachter ich bin, desto schneller landen wir auf gegnerischen Seiten. Und von „dort drüben“ habe ich keinen Einfluss.
 

MYTHOS 4:

„Kommunikation gelingt am besten mit „Ich-Botschaften“.

Nicht jede „Ich-Botschaft“ kommt gut an, z.B. Ärger macht Feindschaft.

  • Liebevoll Grenzen setzen

….. Klappe die Erste:

Herr Meyer macht es sich auf dem Wohnzimmersofa gemütlich. Er vertieft sich in den Wirtschaftsteil. Dominik kommt hereingestürmt,
hüpft aufs Sofa und springt mit wilder Begeisterung drauf los. Herr Meyer ist genervt. Als ob Dominik nicht genau wüsste, dass er hier
ungestört seine Zeitung lesen will. Er spürt einen Anflug von Kopfschmerzen. „Du nervst“, sagt er, ohne aufzublicken. "Das macht
total Spaß, Papa!", jauchzt Dominik voller Freude.

„Dominik, du siehst doch, dass ich hier lesen will!“, sagt Herr Meyer vorwurfsvoll und versucht, die flimmernden Zeilen zu entziffern. Keine Reaktion. Frustriert blickt er über den Rand seiner Zeitung: „Jetzt hör halt auf mit dem Rumgehopse!“ …. „Jetzt hörst du sofort auf, sonst fliegst du raus!“ „Mir macht´s aber Spaß“, ruft Dominik und hüpft immer noch weiter. „Und mir reicht´s jetzt!“ Herr Meyer zerrt Dominik vom Sofa. Dominik fällt aus allen Wolken. Ihn einfach rauszuschmeißen, wo es doch gerade so lustig war! „Du bist gemein!“, brüllt er voller Wut.

…. Klappe die Zweite:

Herr Meyer macht es sich auf dem Wohnzimmersofa gemütlich. Temperamentvoll kommt Dominik hereingestürmt und hüpft mit
wilder Begeisterung aufs Sofa. Herr Meyer überlegt, was er erreichen möchte. In Ruhe auf dem Sofa weiterlesen, das ist klar.
Rummeckern oder Dominik vor den Kopf stoßen sind dafür nicht die geeigneten Mittel. Er steht auf und nimmt Dominik an beiden
Händen. Dominik springt munter weiter und freut sich über die Aufmerksamkeit seines Vaters. Herr Meyer sieht in das strahlende
Gesicht seines Sohnes. „Ich sehe schon, dir macht das einen Riesenspaß!“, sagt er lachend. „Ja! Schau mal, Papa, wie hoch ich
springen kann!“ „Wow, sooo hoch! Fast bis an die Decke“, teilt Herr Meyer seine Begeisterung und wippt noch einen Weile mit.

„Hör mal Dominik“, sagt er dann und Dominik springt ein bisschen „leiser“. „Hör mal“, wiederholt Herr Meyer und zieht seinen Sohn noch näher an sich ran. Dominik hat aufgehört zu hüpfen. „Ich möchte hier meine Zeitung lesen. Du darfst jetzt entweder auf der Matratze in deinem Zimmer Trampolin springen oder du kannst dich zu mir hersetzen und ein Buch anschauen. Du kannst es dir aussuchen. Was möchtest du?“ „Trampolin springen“, entscheidet Dominik. „Ok, dann gehst du in dein Zimmer zu deiner Matratze.“ Herr Meyer ist erleichtert. Eine kurze Unterbrechung und jetzt kann er in Ruhe seine Zeitung weiterlesen.

… Wie hat er das geschafft?

Ziele klären und sich auf die geeignete innere Haltung konzentrieren.

Deine Welt:

In die Welt des Kindes eintauchen, seine Begeisterung teilen.

Meine Welt:

Über die eigenen Bedürfnisse informieren.

Unsere Welt:

Wahlmöglichkeiten: „Erlaubnisse“, die für mich und für mein Kind in Ordnung sind.

  • Konsequent sein (handeln) und die Logik erklären:

Konsequent sein heißt, konsequent für die Respektierung der eigenen Bedürfnisse zu sorgen. Und wenn Dominik einfach auf dem Sofa weiterhüpft? Dann sagt Herr Meyer: „Du möchtest unbedingt weiter springen“ (er benennt das Bedürfnis seines Sohnes). „Das darfst du gerne in deinem Zimmer auf der Matratze“ (er gibt eine Erlaubnis). Herr Meyer begleitet Dominik, der ein wenig verdutzt dreinschaut, in sein Zimmer.

Konsequent sein heißt, (freundlich) handeln, nicht reden (oder gar drohen).


MYTHOS 5:

„Lob kommt immer gut an.“

Falsch. Experimente der Professorin Carol Dweck zeigen: Wenn Kinder für ihre Intelligenz gelobt werden („Null Fehler! Du bist wirklich begabt!“), lassen sie sich bei kleinen Rückschlägen leicht entmutigen. Loben Sie deshalb immer die Anstrengung, nie die Intelligenz (oder das Resultat).

  • Kinder anerkennen, ihr Selbstvertrauen stärken

Frau Berger freut sich, dass Lilli und Leon friedlich miteinander werkeln, statt sich in den Haaren zu liegen. „Find ich prima, dass ihr endlich mal schön miteinander spielt“, sagt sie und meint es so. Was hören die Kinder? Zunächst das „endlich“. „Sonst spielen wir wohl nicht schön miteinander….“

…. Wie könnte Frau Berger ihr Anerkennung so ausdrücken, dass sie wirklich ankommt?

„Hej, ihr baut zusammen eine Burg! Gemeinsam habt ihr den Eimer für die Türme vollgeschaufelt, du hast den Graben gebaut, hier sogar unterirdisch. Und du hast die Türme mit den Muscheln verziert!“ Darüber kann man nicht diskutieren „Mama hat gesehen, wie viele gute Einfälle wir hatten und wie gut wir zusammenhelfen“, denken die Kinder und strahlen.

Damit Ihr Lob wirklich ankommt, sagen Sie ganz konkret, was Sie beobachtet (hören, sehen) können (Details) und wie das für Sie ist (Ihr Gefühl).


MYTHOS 6:

„Wenn mein Kind wütend ist, beachte ich es am besten nicht so sehr – sonst wird die Wut noch größer.“

Das Gegenteil ist der Fall. Denken Sie an Ihren letzten Partnerschaftsstreit: Am weitesten treibt Ihr Partner Sie auf die Palme, wenn er Ihnen das Recht abspricht, sauer, wütend oder verletzt zu sein. Die Wut klein zu ignorieren ist das beste Mittel, um sie größer zu machen. Auch langfristig.


MYTHOS 7:

„Wenn ein Kind traurig ist, soll man es schnell wieder aufheitern“.

Natürlich braucht es dann unsere tröstende und beruhigende Nähe. – „Ist nicht so schlimm“, sagen wir damit es gleich wieder freudig strahlen kann. Stellen Sie sich vor, Sie hatten ein schreckliches Erlebnis und wollen Ihr Herz einer Freundin ausschütten. „Ist schon wieder gut“, fällt sie Ihnen ins Wort. Sie bleiben auf Ihrer Geschichte sitzen. Sagt sie stattdessen „Du bist ja richtig verzweifelt“, nicken Sie erleichtert – sie hat´s verstanden. Nun können Sie weitererzählen. Entgegen unserer Befürchtung werden die Gefühle nicht größer, wenn sie Raum bekommen, sondern verfliegen wieder.

  • Kinder brauchen Verständnis – wie Sie ein guter „Emotions-Coach“ werden.

…. Klappe die Erste:

Miriam schmeißt ihre Schultasche in die Ecke und mault: „Ich geh´ morgen nicht in die Schule!“ Das darf wohl nicht wahr sein, denkt sich Frau Berger. Schon die letzten Tage hatte Miriam trotz aller Ermahnungen keine rechte Lust gehabt, ihre Aufgaben zu machen. „Das werden wir ja sehen!“, entfährt es ihr. „Du hast wahrscheinlich eine schlechte Note!“ Miriam schaut genervt zur Seite. Frau Berger fühlt sich bestätigt. „Bestimmt habt ihr das Diktat geschrieben, das du gestern nicht mehr geübt hast!“ „Nein! Wir haben kein Diktat geschrieben!“, wehrt Miriam beleidigt ab und murmelt „Typisch du …“ Das ist Frau Berger zu viel. „Du brauchst mich nicht beschimpfen, bloß weil du nicht gelernt hast!“ Miriam weiß nicht, was sie sagen soll. Mama hat doch keine Ahnung! Mit ihrem blöden Diktat – als ob es darum gehen würde! „Du bist total gemein!“, brüllt sie und rennt auf ihr Zimmer. Was ist schief gelaufen? Es gibt Miriams Welt und die Welt ihrer Mutter. Leider bleiben es getrennte Welten.

  • Wie reagieren Sie selbst in ähnlichen Situationen?

Trösten? „Ach komm her, mein armer Schatz, morgen ist bestimmt alles wieder gut.“

Das Problem klein machen? „Ach, es wird schon nicht so schlimm sein.“

Ablenken? „Hier, iss erst einmal deinen Lieblingsauflauf.“

Ratschläge geben/ Das Problem lösen? „Komm, heute übe ich mit dir das Diktat.“

Mutmaßen, Bescheid wissen? „Bestimmt hast du eine schlechte Note bekommen.“

Belehren? „Alle Kinder müssen in die Schule gehen.“

Nachplappern? „Du willst also morgen nicht in die Schule gehen.“

Ausfragen? „Habt ihr eine Probe geschrieben? Hat der Lehrer dich ausgefragt?“

Kritisieren? „Ich hab´ dir ja gesagt, setz dich endlich auf deinen Hosenboden!“

Macht ausüben? „Führ dich nicht so auf! Mach´ wenigstens heute deine Hausaufgaben ordentlich!“

  • Wie Sie „emotional intelligent“ auf die Gefühle Ihres Kindes eingehen können

…. Klappe die Zweite:

Frau Berger atmet tief durch, blickt Miriam aufmerksam an und versucht, in Worte zu fassen, was sie wahrnimmt. „Du bist ja richtig aufgebracht. Magst gar nicht mehr in die Schule gehen“, sagt sie. „Nein“, erwidert Miriam, ohne aufzublicken. „Hm, du schaust ja richtig sauer aus“, mutmaßt Frau Berger. Miriam vergräbt den Kopf in den Armen. Frau Berger spürt ihr Mitgefühl mit ihrer Tochter. „Da ist aber bestimmt was passiert, dass du so … bedrückt bist“, vermutet sie. Miriam beginnt zu erzählen, wie sie auf dem Nachhauseweg von einem Jungen geärgert worden war. „Ich könnte mir vorstellen, dass du Angst hast, dass er das morgen wieder macht …. und deswegen würdest du am liebsten gar nicht mehr in die Schule gehen.“ „Ja!“ bestätigt Miriam erleichtert.

Wie hat Frau Berger es geschafft, dass sich Miriam öffnet und verstanden fühlt?

Immer wieder hat sie nachgespürt, wie es ihr selbst an Miriams Stelle gehen würde, und das in Worte gefasst („sauer“, „wütend“, „Angst“). Durch ihre innere Haltung hat sie ihr vermittelt. „Ich bin auf deiner Seite“.

 

“Bei Konflikten steht man auf gegnerischen Seiten. Einer gewinnt, einer verliert.”

  • Konflikte miteinander lösen (statt gegeneinander zu kämpfen)

Wenn Kinder ihre Eltern wütend angreifen (mit Worten oder Tritten/Fäusten), denken Eltern automatisch: Das darf ich mir nicht bieten lassen. Jetzt muss ich meinem Kind seine Grenzen aufzeigen. Doch in solchen Momenten können Sie Ihr Kind nicht „erziehen“. Erst müssen Sie dafür sorgen, dass Ihr Kind sich wieder beruhigt. Wenn Kinder außer sich sind vor Wut, können sie nicht hören, was Sie sagen. Sie hören höchstens, wie Sie etwas sagen.

Körperliche Nähe und eine beruhigende Stimme sind das Beste, was Sie Ihrem Kind in diesem Moment bieten können. Zeigen Sie ihm: Ich bin da. Ich stehe bei dir. Statt automatisch „Du gegen mich“, „Ich gegen dich“ zu denken, sagen Sie sich: „Wir beide gegen das Problem“, „Miteinander schaffen wir es, eine Lösung zu finden, die für uns beide passt“. Erst verstehen – dann verstanden werden. Diese Reihenfolge ist nicht umkehrbar. Erst, wenn Ihr Kind sich verstanden fühlt, glätten sich die Gefühlswogen. Erst dann kann es hören, was Sie vorzubringen haben! Erst dann kann es wieder klar genug denken, um Lösungsideen zu entwickeln. Das Schwierigste dabei ist, darauf zu vertrauen, dass Sie beide gewinnen können.

Quelle

Dieser Artikel erschien zunächst in „® JAKO-O Familienmagazin „wirbelwind “ und  ist dort mit Illustrationen zu finden. Die Übernahme erfolgt mit freundlicher Genehmigung.

Literatur

Die Beispiele in diesem Artikel stammen aus dem Buch: Graf, Johanna (2005): FamilienTeam - das Miteinander stärken. Das Geheimnis glücklichen Zusammenlebens. Freiburg: Herder. Hier finden Sie noch weitere Mythen und ihre Auflösung.

Herdercoverfamilienteam-188x300

 

 

 

Autorin

Dr. Johanna Graf, Dipl.-Psych.

Department Psychologie
Ludwig-Maximilians-Universität München
Leopoldstr. 13
80802 München

Tel.: 089 – 2180 5195

Email

Internet

Mehr zu diesem Thema im Familienhandbuch von Dr. Johanna Graf:

  • “FamilienTeam”-Elterntraining: Mehr Freud’ und weniger Leid in der Familie
  • “Unsere Familie – ein starkes Team“

 

Erstellt am 17. November 2011, zuletzt geändert am 18. November 2011